in Verhandlungen und Entscheidungsfindungen des Rates ungleich schwerer wog als das seiner Amtskollegen, verfugte doch keiner von ihnen auch nur annähernd über seine wirtschaftliche und politische Potenz. In seiner Person verdichtete sich der enge Nexus zwischen Stadt und Eisenwerk, indem er zugleich die Politik des Betriebs und der Stadt maßgeblich lenkte und darüber die Interessen des Werkes mit denen der Stadt verknüpf¬ te. Nach Stumms Tod war diese Verbindung nicht mehr derart unmittelbar und per¬ sonal, dennoch nahm die Werksleitung als größter Arbeitgeber und Steuerzahler stets Einfluss auf die Lokalpolitik. Die eingangs zitierten Schilderungen Richard Dehmels belegen, wie die Hütte mit ihren Hochöfen, Schloten und weiteren Produktionsanlagen das Stadtbild beherrschte. Auch in anderer Hinsicht trat das Werk, in der Ära Stumm und darüber hinaus, als der engagierteste Bauherr im Stadtgebiet auf: Das Unternehmen schuf an ausgewähl¬ ten Orten, vor allem rund um das Fabrikgelände, Wohnraum für eine große Zahl von Arbeitern. Stumm und seine Nachfolger initiierten und beschleunigten mit ihrer Woh¬ nungsbaupolitik den Prozess der sozialen Segregation innerhalb der wachsenden Indus- triegemeinde, indem sie ganze Straßenzüge mit Arbeiterwohnungen versahen. Eine be¬ sondere Verdichtung werkseigener Wohnungen fand sich in der Saarbrücker Straße, die mitten durch das Gelände des Eisenwerks verlief, dieses gewissermaßen durchschnittV' Die ersten Werkswohnungen entstanden hier bereits 1843, in den Folgejahrzehntcn wurde der Bestand sukzessive ausgebaut.283 284 Wie aus dem bereits zitierten Adressbuch von 1927 hervorgeht, wohnten hier zu diesem Zeitpunkt von den 2.469 Arbeitern mit klarem Bezug zur Hütte immerhin 366.28'’ Dies waren fast 13 Prozent der im Adressbuch verzeichneten Werksbeschäftigten. Die Saarbrücker Straße zählte 1910 100 Hausnum¬ mern, bis 1931 waren es 183. Es handelte sich hier ausschließlich um werkseigene Gebäu¬ de und Wohnhäuser für Hüttenbeschäftigte.286 Die Häuser, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in mehreren Bauphasen, je nach Beschäftigungsstand und Bedarf an Wohnraum, errichtet wurden, gestalteten te seine politische Funktion weit über Neunkirchen hinaus. Nach Heinz Gillenberg war „das alte [Stun mi¬ sche] Herrenhaus Mittelpunkt der politischen Öffentlichkeitsarbeit “ im gesamten Wahlkreis. Siehe Gil¬ lenberg 1989, S. 21. Das Herrenhaus befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Werk und war symbolischer Ausdruck der Macht Stumms im Werk und darüber hinaus. Stumm wohnte auch lange Zeit selbst hier, ehe er 1880/81 auf den Haiberg nahe Saarbrücken übersiedelte. Vgl. ebd., S. 13 ft. und 11. 283 Ein sehr nützliches Hilfsmittel zur Rekonstruktion der Geschichte einzelner Straßen, Plätze und Wohngebiete stellt das 2009 von Armin Schlicker und dem Historischen Verein Neunkirchen pub lizierte „Straßenlexikon Neunkirchen“ dar. Hier wird auch auf Lage, Bebauung und Entwicklung der Saarbrücker Straße, vordem Teil einer Provinzialstraße, ausführlich eingegangen. Siehe Schlicker, Armin: Straßenlexikon Neunkirchen. Straßen, Plätze und Brücken in Vergangenheit und Gegenwart, Neunkirchen 2009, S. 379 ff. 284 Vgl. Frühauf 2005, S. 93. 285 Vgl. Einwohnerbuch (Adreßbuch) des Saargebietes 1927, S. 419-497. 286 Vgl. Schlicker 2009, S. 379 f. 96