sich ausdifferenzierenden Bevölkerung entsprechend, immer weiter. Die Zahl der Ko¬ lonialwarenhändler stieg zwischen 1888 und 1904 von eil auf 74, während zur gleichen Zeit vier Banken oder Filialen überörtlicher Kreditinstitute eingerichtet wurden.2 2 Alles in allem, so fasst Jacob die stetig zunehmende Bedeutung der Stadt auch tür das Umland zusammen, habe Neunkirchen begonnen, „zentralörtliche Funktionen lür die es umgebende Region auszuüben“.2 3 Die Kreisstadt Ottweiler war um die Jahrhundert¬ wende bereits an Größe und Bedeutung klar überflügelt worden. In einer Broschüre des Neunkircher Verschönerungsvereins hieß es nicht ohne Lokalpatriotismus: „Neunkir¬ chen ist der wirtschaftliche und geschäftliche Mittelpunkt für die Arbeits- und landwirt¬ schaftliche Bevölkerung einer weiten Umgebung.“2"4 Ein Indikator für den zunehmend ,urbanen Charakter Neunkirchens ist das im Verlauf des .langen 19. Jahrhunderts1 florierende Vereinswesen.2 1 Die 1913 publizierten Ausgaben der „Chronik von Neunkirchen“ nennen für die Jahre 1847 bis 1909 nicht weniger als 375 Vereinsgründungen, daneben dürften weitere Vereinigungen bestanden haben, die allerdings keine Erwähnung fanden.2 6 Zwar war das Vereinswesen kein rein städtisches Phänomen, doch die dichte Frequenz und hohe Zahl an Neugründungen gerade in den Jahren der Hochindustrialisierung sprechen für sich und dokumentieren den Zusammenhang von Industrialisierung, Urbanisierung und sozialer Vernetzung.2 S. 173-180. Bis zum Ersten Weltkrieg existierten immerhin auch vier Apotheken im Stadtgebiet. Siehe Liebermeister 1003, S. 173. 272 Vgl. Jacob 1993a, S. 114. Zum sich allmählich um die Jahrhundertwende entwickelnden Banken¬ wesen in Neunkirchen vgl. Fabry, Philipp W: Bewährung im Grenzland. Genossenschaftsarbeit an der Saar, Neuwied 1986. 2 3 Ebd., S. 114 f. Ähnlich bei Frühauf 1003, S. 103. 274 Verschönerungsverein Neunkirchen (Hrsg.) 1911, S. 3. 275 Katja Lander attestiert Neunkirchen, wie vielen anderen saarländischen Gemeinden, „eine vielf ältige Vereinsszene“. Siehe Lander, Katja: Wohnkultur und Alltagsgeschichte in Neunkirchen, in: Knauf, Rainer/TREPESCH, Christof (Hrsgg.): Neunkircher Stadtbuch, Neunkirchen 1003, S. 109-111, hier S. 118. Zum Vereinswesen in Neunkirchen vgl. auch Mankel, Sigrid: Die Anfänge des Vereinslebens in Neunkirchen, in: Knauf, Rainer/TREPESCH, Christof (Hrsgg.): Neunkircher Stadtbuch, Neunkir¬ chen 1003, S. 145-161. Sigrid Mankel bezieht sich ebenfalls auf die Chronik von 1913 und führt am Ende des Beitrags alle in der Chronik genannten Vereinsgründungen auf. 276 Chronik von Neunkirchen. Übersicht über Ereignisse des öffentlichen Lebens. Blätter für volks¬ tümliche Orts- und Heimatkunde. 5. Jg. Nr. 1,1913, S. 9-16; Chronik von Neunkirchen. Übersicht über Ereignisse des öffentlichen Lebens. Blätter für volkstümliche Orts- und Heimatkunde. 5. Jg. Nr. 3,1913, S. 17-11. Die Chronik von Neunkirchen wurde zwischen 1909 und 1913 in mehreren Teilen von den Brüdern Ludwig und Jakob Lehnen, die für die zentrumsnahe Neunkircher Zeitung schrieben, her¬ ausgegeben und informierte über politische, soziale und kulturelle Belange von lokaler Relevanz. Vgl. Britz 1005, S. 730. 2 Clemens Zimmermann setzt sich mit dem Begriff der .Urbanität', also dem spezifisch städtischen Charakter gegenüber dem ländlichen Leben auseinander und konstatiert die Entstehung zahlreicher „sich überlappender Systeme sozialer Beziehungen“, wozu sicherlich auch die im 19. Jahrhundert auf¬ strebenden Vereine zu zählen sind. Siehe Zimmermann 1996, S. 37. Zurecht kritisiert Zimmermann das einseitige und in zivilisations- und kulturkritischen Diskursen desfin de siècle entworfene Anonymi- 94