Rationalisierungsbestrebungen sein sollten. Dies konnte sich in Umstrukturierungen der Arbeitsorganisation und damit der Kooperationszusammenhänge, in Personaleinsparun¬ gen oder auch in Lohnkürzungen manifestieren. Es folgten nun verschiedene Vorschläge aus den Reihen der Abteilungsleiter, wie Kos¬ ten eingespart werden könnten. Dabei taucht ein Motiv immer wieder auf: die Einspa¬ rung von Personal durch verbesserte Transportvorrichtungen. Am augenfälligsten wird diese Argumentation von den Verantwortlichen des Hochofenbereichs entwickelt, wo eine Personalreduzierung auf 17 Prozent (!) des bis dato gültigen Standes projektiert wurde. Dieser radikale Belegschaftsabbau sollte unter anderem durch die Anschaffung einer Hänge- und Seilbahn zu Transportzwecken sowie mehrerer Kräne zu Verladearbei¬ ten ermöglicht werden. Zwar erreichten die von den anderen Betriebsführern ins Auge gefassten Maßnahmen bei weitem nicht dieses Ausmaß, aber Personaleinsparungen zur Betriebsoptimierung wurden allenthalben in Erwägung gezogen.148 Noch 1931 wurden Einsparvorschläge für drei Reparaturwerkstätten unterbreitet, wobei neben Materialer¬ sparnissen vor allem Lohn- und Personalabbau angeregt wurden. Besonders die ungelern¬ ten und damit leicht ersetzbaren Hilfskräfte, die hauptsächlich mit Transportaufgaben beschäftigt waren, waren Objekte dieser Pläne.149 Derartige Rationalisierungsüberlegungen waren geradezu ein Wesensmerkmal der Zwischenkriegsökonomie. Neunkirchen bildete da keine Ausnahme, wie der kleine Ex¬ kurs gezeigt hat. Allerdings blieb im Zuge der Debatte vieles Theorie, die oft postulierte umbruchartige Veränderung weitgehend aus. Die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen zeigt, dass viele Rationalisierungsprojekte zunächst unrealisiert blieben. Arbeiteten im fraglichen Jahr 1926 5.666 Personen auf der Hütte, mehr also als bei Kriegsausbruch, so waren es 1928 6.198. Erst im folgenden Jahr war die Zahl auf 5.600 gesunken, und bis 1932 erfolgte ein beträchtlicher Rückgang auf 3.651 Beschäftigte.150 Diese Personalverminde¬ rung um 2.319 Personen (37,8 % des Wertes von 1928) war allerdings nicht ausschließlich und wahrscheinlich nicht einmal primär bewussten Rationalisierungsmaßnahmen ge¬ schuldet, sondern vor allem eine Folge der nach 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, die auch das Neunkircher Eisenwerk hart traf. Die Roheisenproduktion war im Geschäfts¬ jahr 1930/31 auf 389.155 Tonnen gegenüber 477.870 Tonnen im Jahr 1929/30 gesunken. Im gleichen Zeitraum ging die Herstellung von Stahl von 568.870 auf 429.885 Tonnen zurück.151 Seit Ende 1932 erfolgte dann aber wieder eine spürbare Konsolidierung. Die 148 Ebd. 149 StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 212-1-6-1926-33. i5" StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 119-1-6-1922-40. Die Zahlen wurden jeweils am Ende des Geschäftsjah¬ res, zum 31. März, aufgenommen. Am stärksten war der Personalabbau in der Koksanlage, wo ein Rück¬ gang von 56,3 Prozent zu verzeichnen war. Es folgten der Hochofenbereich (46,7%) und das Walzwerk Süd (46,3 %). 700 Arbeitern wurde gekündigt (11,3 % der Gesamtbelegschaftsstärke 1928), 1.327 gingen in Pension (21,4%). Alle Daten finden sich in: StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 742-1-6-1932-37. 1‘>1 Alle Zahlen bei: Pattar, Anja: Die Weltwirtschaftskrise 1929/1932 im Saargebiet, Universität des Saarlandes 2009 (unveröffentlichte Staatsexamensarbeit), S. 100. 71