Analog zu den Produktionsdaten stiegen die Beschäftigtenzahlen. Am i. August 1914 waren 5.216 Personen auf der Neunkircher Hütte beschäftigt.129 130 1905 belief sich diese Zahl noch auf 4.491,130 dies bedeutete eine beträchtliche Vermehrung gegenüber 1.667 Beschäftigten im Jahr 1878131 132 und 482 beziehungsweise 950 Hüttenleuten in den Jahren 1843 und 1852.132 Nimmt man alle Faktoren in der Addition - den hohen Integrationsgrad der einzelnen Werksteile, die ständig steigenden Produktionszahlen sowie die expandie¬ rende Belegschaft - wuchs das Neunkircher Eisenwerk bis zum Ersten Weltkrieg zu ei¬ nem veritablen Großbetrieb heran. Auch wenn man hinter dem Branchenkrösus Krupp und anderen Ruhrbetrieben zurückblieb, so war Neunkirchen doch auch im Reichsma߬ stab ein bedeutender Hüttenstandort.133 Im Saarrevier teilte man sich bei einem leichten Vorsprung mit Burbach und Völklingen die brancheninterne Führungsrolle. Am 1. April 1888 wurde aus der OHG eine Kommanditgesellschaft (KG) mit Karl Ferdinand Stumm als persönlich haftendem Gesellschafter. Die neue Unternehmens¬ organisation erlaubte eine umfassendere Kapitalbeschaffung.134 Das Neunkircher Ei¬ senwerk kennzeichnete, wenigstens bis zu Stumms Tod im Jahre 1901, die starke Stel¬ lung des Firmeninhabers sowie seiner Familie. Oftmals wird gerade das Neunkircher Eisenwerk während der Ära Stumm als Paradebeispiel eines .patriarchalisch' geführten Betriebes mit großer persönlicher Einflussnahme des Firmenbesitzers angeführt.135 Si¬ cherlich hegte Stumm weitgehende Ambitionen was die Leitung seines Betriebes betraf. Zugleich aber war ein Unternehmen, das mehrere Tausend Personen beschäftigte, über zahlreiche Betriebsanlagen und auch Außen- und Zweigwerke verfügte, nicht mehr kompatibel mit der Idee eines persönlichen Regiments. Auch wenn eine Anonymisie¬ rung der Betriebsstrukturen in Neunkirchen formal, das heißt in der Unternehmens¬ form, ausblieb, so mussten doch zahlreiche Kompetenzen delegiert und eine funkti¬ onstüchtige Werksbürokratie errichtet werden. Unterhalb der obersten Führungsetage entstand eine ausdifferenzierte Hierarchie technischer, kaufmännischer und Aufsicht führender ,Privatbeamter'.136 Derartige Hierarchien oder auch immer elaborierter aus¬ 129 So geht es aus einem Bericht über die „Wohlfahrtseinrichtungen“ des Neunkircher Eisenwerks für die Jahre 1922/23 hervor: StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 119-1-6-1922-40. 130 Vgl. Frühauf 1980, S. 94. 131 Vgl. ebd., S. 66. 132 Vgl. ebd., S. 46. Den Aufzeichnungen des Ottweiler Landrates Georg Barsch zufolge zählte das Eisenwerk 1840 350 Beschäftigte. Siehe Beschreibung des Regierungs-Bezirks Trier. Nach amtlichen Quellen bearbeitet und im Aufträge der Königl. Preuß. Regierung herausgegeben von Georg Bärsch. Erster Theil, Trier 1849, S. 303. Zu den Produktionsanlagen um 1840 siehe ebd. 133 Jürgen Kocka und Hannes Siegrist zählen das Neunkircher Eisenwerk zu den bedeutendsten Hüt¬ tenunternehmen seiner Zeit. Vgl. Kocka/Siegrist 1979. 134 Vgl. Frühauf 1980, S. 67. 135 So etwa bei Jacob 1993, S. 30. Der Begriff des ,Patriarchalismus' ist dabei durchaus mit Vorsicht zu gebrauchen, suggeriert er doch eine durchweg vormoderne Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung. Diese Diskussion wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch zu führen sein. 136 Eine grundlegende Studie zum Bürokratisierungsprozess in der entstehenden Großindustrie legte Jür- 68