Fahrens, das sich bis zur Jahrhundertmitte durchgesetzt hatte, sowie dessen Ablösung durch das Thomasverfahren seit den i88oern.30 Gerade das Thomasverfahren, eine Weiterentwicklung des Bessemerverfahrens, zeigt paradigmatisch, welche Bedeutung technologische Innovationen in der Hüttenindustrie im Hinblick auf die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit hatten. Das Bessemer- und das Thomasverfahren waren, im Ge¬ gensatz zum noch semihandwerklichen Puddelverfahren, hochmoderne Produktions¬ techniken. Mittels großer Konverteranlagen wurde das Roheisen in Stahl umgewandelt. Beide Flussstahlverfahren erlaubten die Produktion gut zu verarbeitender Stähle in gro¬ ßen Mengen und garantierten damit die Konkurrenzfähigkeit angesichts immer grö¬ ßerer Nachfrage und gestiegener Ansprüche der Abnehmer. Mit der Entwicklung des Bessemerverfahrens geriet die Saarstahlindustrie vorübergehend empfindlich ins Hin¬ tertreffen, denn die stark phosphorhaltigen Minetteerze, aus denen auf den Saarhütten das Roheisen gewonnen wurde, waren mit der neuartigen Konvertertechnik nicht kom¬ patibel. Im Thomasverfahren wurden die Konverter dann basisch ausgekleidet, was die Verhüttung der Minetteerze erlaubte.31 Diese Erfindung ist für die Saarhüttenindustrie kaum hoch genug einzuschätzen, befreite sie doch die Unternehmen aus einer tiefen strukturellen Krise. Glaubt man Paul Thomes, gewährleistete sie sogar den Fortbestand der Saareisenindustrie.32 Nach der umfassenden Einbindung in die Rüstungsproduktion während des Ersten Weltkriegs fielen die Hauptanteile an den Saarhütten französischen Eigentümern zu. Die Zwischenkriegszeit gestaltete sich für die Branche an der Saar insgesamt schwierig. Vor allem die Rohstoffversorgung bereitete angesichts der Tatsache, dass die zuvor aus- gebeuteten lothringischen Erzfelder nicht mehr zur vollen Verfügung standen, große strukturelle Probleme. Ähnlich unvorteilhaft waren die konstant hohen Frachtpreise 311 Zur technischen Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie bis zum Ersten Weltkrieg vgl. Banken zooj, Kap. 3.3.Z.Z. 31 Zu technischem Verfahren, Ausbreitung, Produktionsmengen und anderen Aspekten des Thomas¬ stahls vgl. Brandi, Hermann: Entwicklung der Thomasstahlerzeugung in Europa und die bauliche Ausgestaltung der Thomaswerke, in: Stahl und Eisen 74 (1954), S. 1161-1267; Dickmann, Herbert: Die Einführung des Thomasverfahrens in Deutschland im Jahre 1879, in: Stahl und Eisen 74 (1954), S. 1257-1262; Wengenroth, Ulrich: Deutscher Stahl - Bad and Cheap. Glanz und Elend des Tho¬ masstahls vor dem Ersten Weltkrieg, in: Technikgeschichte 54 (1987), S. 197-108. i: Thomes, Paul: Die Saarwirtschaft nach der Reichsgründung zwischen Boom und Krise, in: Herr¬ mann, Hans-Walter (Hrsg.): Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende (1871-1918). Referate eines Kolloquiums in Dillingen am 29./30. September 1988 (Veröffentlichungen der Kommis¬ sion für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Bd. 18), Saarbrücken 1990, S. 115—132, hier S. 127. Zu Recht weist Ralf Banken darauf hin, dass das Thomasverfahren das Puddelverfahren nicht nahtlos ablöste, zumal bei seiner Implementierung erhebliche Umsetzungsschwierigkeiten auf¬ traten. Dies lässt sich am Neunkircher Fall, wo das Puddelverfahren noch bis in den Ersten Weltkrieg hinein angewandt wurde, plastisch nachvollziehen. Andererseits konzediert auch Banken, dass das Thomasverfahren „bis 1914 nicht nur die Basis für ein erhebliches Wachstum aller Unternehmen [bil¬ dete], sondern [...] erst die Aufnahme zahlreicher Produktionslinien und eine Produktdiversifikation“ ermöglichte. Vgl. Banken 1009, Zitat S. 132. 49