mieräumen zielenden „Eigen-Sinn“9' (Alf Lüdtke) begriffen. Wie in der geschichtswis- senschaftlichen Umsetzung von Ansätzen aus der Neuen Institutionenökonomik überzeu¬ gend dargestellt wurde, war auch das Unternehmen, trotz der Macht der Unternehmer und der zahlreich formulierten Verhaltenspostulate, keine unilaterale Organisation, in der die Werksobrigkeit einseitig Regeln setzen konnte. Vielmehr sind industrielle Unter¬ nehmungen als „Kooperation wirtschaftender Akteure“ zu begreifen und zu konzipie¬ ren.92 93 * So soll in der vorliegenden Studie das komplizierte, spannungsvolle und damit dy¬ namische Zusammenspiel zwischen Normen setzenden Unternehmern, den von ihnen wesentlich generierten Strukturen und Regeln sowie den Hüttenarbeitern als individuel¬ len, ebenfalls mit spezifischen Handlungsressourcen ausgestatteten und sich gelegentlich den oktroyierten Regeln entziehenden Akteuren untersucht werden. Die Studie ist als historischer Vergleich konzipiert.9 ‘ Der komparative Ansatz geht mit einem beträchtlichen konzeptionellen wie arbeitstechnischen Mehraufwand einher und bedarf daher einer methodischen und sachlichen Begründung." Zunächst erscheint der historische Vergleich gerade für lokalgeschichtliche Studien oder Darstellungen einzel¬ ner Industriegemeinden besonders geeignet zu sein. Der Abgleich mit einem zweiten Fall bewahrt einerseits davor, vermeintliche ,Sonderwege‘ zu entdecken und erlaubt es, Lokalgeschichte in einen größeren Kontext zu stellen.96 99 Neunkirchen und Düdelingen 92 Lüdtke, Alf: Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus. Ergebnisse, Hamburg 1993, passim. 93 Grundlegend für diese Überlegungen: Wischermann, Clemens: Von der „Natur“ zur „Kultur“. Die neue Institutionenökonomik in der geschichts- und kulturwissenschaftlichen Erweiterung, in: El¬ lerbrock, Karl-Peter/WiscHERMANN, Clemens (Hrsgg.): Die Wirtschaftsgeschichte vor der Her¬ ausforderung durch die New Institutional Economics (Untersuchungen zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte, Bd. 14), Dortmund 2004, S. 17-30, bes. S. 23-29, Zitat S. 23. Ganz ähnlich argu¬ mentiert im selben Sammelband Thomas Welskopp, indem er schreibt, die Produktionsprozesse entzö¬ gen sich „als soziale Handlungsfelder einer unilateralen Kontrolle durch die Unternehmensführungen“. Siehe Welskopp 2004, hier S. 197. 9t Eine fundierte Einführung in Methoden, Anwendungsmöglichkeiten und Formen des historischen Vergleichs liefert Kaelble, Hartmut: Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahr¬ hundert, Frankfurt 1999. Sämtliche im Folgenden ausgeführten methodologischen Erwägungen werden von Kaelble anhand konkreter, vor allem sozialgeschichtlicher Beispiele erläutert und exemplifiziert. 99 In einem grundlegenden Aufsatz über Methodik und Wert des historischen Vergleichs fasste Marc Bloch prägnant zusammen: „Es braucht Jahre der Analyse für einen Tag der Synthese.“ Siehe Bloch, Marc: Für eine vergleichende Geschichtsbetrachtung der europäischen Gesellschaften, in: Middell, Matthias/SAMMLER, Steffen (Hrsgg.): Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten 1929-1992, Leipzig 1994, S. 121-167, hier S. 155. Zu Fragen des Umgangs mit Lokalgeschichte, besonders bezüglich ihrer Repräsentativität vgl. Kai¬ ser, Wolfgang: Regionalgeschichte, Mikro-Historie und segmentierte Öffentlichkeiten. Ein verglei¬ chender Blick auf die Methodendiskussion, in: Brakensiek, Stefan/FLÜGEL, Axel (Hrsgg.): Regional¬ geschichte in Europa. Methoden und Erträge der Forschung zum 16. bis 19. Jahrhundert (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 34), Paderborn 2000, S. 25-44; Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte 31