die Industriearbeiterschaft in den 1970er und 1980er Jahren einen der am intensivsten erforschten Untersuchungsgegenstände darstellte." Die lange Phase einer überaus er¬ giebigen Arbeitergeschichtsschreibung begann - nach einigen wichtigen Vorläufern'1 - mit der sozialgeschichtlichen Wende seit den späten 1960er Jahren." Zeitweise wurden Sozialgeschichte und Arbeitergeschichte „fast als Synonyme gehandelt“.33 36 37 Der Boom der Arbeiterhistoriographie manifestierte sich in einer unüberschaubaren Fülle an Zeit¬ schriftenaufsätzen, Monographien, Forschungsberichten und Sammelbänden. Dabei änderten sich allerdings Herangehensweisen, Blickwinkel und Fragestellun¬ gen. Zunächst stand vor allem die Geschichte der Arbeiterbewegung, also der Gewerk¬ schaften, Parteien und Vorfeldorganisationen im Mittelpunkt des Interesses, wobei die Organisations- und Ideengeschichte wesentliche Schwerpunkte bildeten.3 Stellvertre¬ tend für den in den weiteren 1970er Jahren stattfindenden Paradigmenwechsel steht ein Sammelbandbeitrag von Klaus Tenfelde, der die „Forderung nach einer umfassenden Sozialgeschichte der Arbeiterschaft als Erklärung für Konfliktlagen, Organisierung und Theoriebildung“ erhoben hat. Diese neue, im eigentlichen Sinne sozialgeschichtlich orientierte Arbeitergeschichte fragte etwa nach Herkunft und Zusammensetzung der 33 Einen kompakten Überblick über die Konjunkturen der Arbeitergeschichtsschreibung liefert Schildt, Gerhard: Die Arbeiterschaft im 19. und 10.Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Ge¬ schichte, Bd. 36), München 1996, S. 63-70; vgl. auch Brandt, Peter: Die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 1 (200z), S. 5-20, hier S. 7 ft. 34 Die ersten Darstellungen zur Arbeiterbewegung gingen aus dieser selbst hervor und waren im We¬ sentlichen hagiographisch und prosopographisch orientierte Werke. Die Fachwissenschaft entdeckte bereits in den 1950cm zum Teil die Arbeiterschaft: für sich. Vgl. Schildt 1996, S. 63-66. Einen grund¬ legenden Aufsatz, der bereits die streng sozialgeschichtlich orientierte Arbeitergeschichtsschreibung seit den 1970er Jahren antizipierte, legte Werner Conze vor: CONZE, Werner: Vom „Pöbel“ zum „Pro¬ letariat“. Sozialgeschichtliche Voraussetzungen für den Sozialismus in Deutschland, in: Vierteljahr¬ schrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 41 (1954), S. 333-364. 35 Vgl. dazu Ziemann, Benjamin: Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Gesellschaftsgeschichte, in: Dülmen, Richard van (Hrsg.): Das Fischer-Lexikon Geschichte, Frankfurt a. M. 2003, S. 84-105, bes. S. 84-97. 36 Welskopp, Thomas: Klasse als Befindlichkeit? Vergleichende Arbeitergeschichte vor der kulturhis¬ torischen Herausforderung, in: Archiv für Sozialgeschichte 38 (1998), S. 301-336, hier S. 301. 37 Einzelne Fragen der Organisationsgeschichte, etwa die Rolle der SPD in der Weimarer Republik, wurden besonders intensiv diskutiert. Vgl. Schildt 1996, S. 65 f.; außerdem Langewiesche, Dieter/ Schönhoven, Klaus: Einleitung. Zur Lebensweise von Arbeitern in Deutschland im Zeitalter der Industrialisierung, in: Langewiesche, Dieter/ScHÖNHOVEN, Klaus (Hrsgg.): Arbeiter in Deutsch¬ land. Studien zur Lebensweise der Arbeiterschaft im Zeitalter der Industrialisierung, Paderborn 1981, S. 7-33, hier S. 7. Lange Zeit eher vernachlässigt wurde dabei die Phase vor dem Sozialistengesetz, die Thomas Welskopp in einer neueren Studie in den Blick nimmt: Welskopp, Thomas: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz (Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 54), Bonn 2000. Neben einer Organisations- und Ideengeschichte bein¬ haltet Welskopps umfangreiche Arbeit eine methodisch anspruchsvolle Sozial-, Alltags- und Kulturge¬ schichte der frühen deutschen Sozialdemokratie. 20