trifft man gerade in der Eisen- und Stahlindustrie auf apriorisch asymmetrische Bezie¬ hungen, in welcher zunächst die Unternehmer die Handlungsbedingungen setzten. An der Spitze der großen, zentralisierten und kapitalkräftigen Hüttenunternehmen stan¬ den einflussreiche und ambitionierte Unternehmer.2 Zu ihnen zählten ohne Zweifel Karl-Ferdinand Stumm in Neunkirchen und Emile Mayrisch in Düdelingen. Es ist da¬ von auszugehen, dass beide Unternehmer wie auch ihre Nachfolger danach strebten, sich jenseits der Fabrikmauern Einflussmöglichkeiten auf ,ihre‘ Arbeiter zu sichern.2H Die Intentionen, Strategien und Formen der schwerindustriellen Arbeiterpolitik sollen herausgearbeitet und hinsichtlich ihrer Folgen für die Lebenswelt der Eisen- und Stahl¬ arbeiter hinterfragt werden. Die „übermächtige Prägekraft des Betriebs“, die von Tho¬ mas Welskopp betont wird, wird damit in einem größeren, die eigentliche Produktions¬ sphäre überschreitenden Fokus ausgelotet. Dabei stellt sich nicht zuletzt die Frage, wie kompatibel die unternehmerischen Ansprüche auf Zugriff und Kontrolle mit etwaigen Selbstbestimmungsansprüchen der Hüttenarbeiter waren. Wie sah das arbeiterpoliti¬ sche Handlungsrepertoire der Unternehmer in Neunkirchen und Düdelingen also aus, wie wirkte es sich auf die Binnenstruktur der Hüttenbelegschaften aus und welche Rah¬ menbedingungen schuf es mit Blick auf die Organisations- und Partizipationsversuche der lokalen Arbeiterschaften? Eine dritte Teilfrage setzt bei dem Entstehungsprozess und der Zusammensetzung der lokalen Arbeiterschaften an. An beiden Orten war die Hüttenarbeiterschaft im Un¬ tersuchungszeitraum zwar die dominante soziale Gruppe,* 29 aber sie war zugleich eine relativ neue Formation. Die Arbeiterpopulationen von Neunkirchen und Düdelingen entstanden hauptsächlich - dies ist gewiss kein Alleinstellungsmerkmal, sondern ein konstitutiver Wesenszug der Industrialisierung30 - als Resultat massiver Migrationsbe¬ ; Dies ist ein Strukturmerkmal der Eisen- und Stahlgroßindustrie. Vgl. Kocka, Jürgen/SlEGRIST, Hannes: Die hundert größten deutschen Industrieunternehmen im späten 19. und 20. Jahrhundert. Ex¬ pansion, Diversifikation und Integration im internationalen Vergleich, in: Horn, Norbert/KOCKA, Jürgen (Hrsgg.): Recht und Entwicklung der Großunternehmen im späten 19. und frühen 20. Jahrhun¬ dert (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 40), Göttingen 1979, S. 55-122, hier S. 69-72. 28 Dies war in der Großindustrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchaus die Regel. Vgl. dazu Lüdtke, Alf: Arbeiterpolitik versus Politik der Arbeiter? Zu Unternehmensstrategien und Arbeiter¬ verhalten in deutschen Großbetrieben zwischen 1890 und 1914/20, in: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Arbei¬ ter und Bürger im 19. Jahrhundert. Varianten ihres Verhältnisses im europäischen Vergleich (Schriften des Historischen Kollegs/Kolloquien, Bd. 7), München 1986, S. 202-212. 29 Darüber sollte nicht vergessen werden, dass beiderorts auch die Bergleute großes demographisches Gewicht hatten. Prägnant formulierte aber der Neunkircher Stadthistoriker Bernhard Krajewski einen Befund, der sich in gleicher Weise auf Düdelingen übertragen ließe: „Die siedlungsbildende Kraft des Eisenwerkes war für Neunkirchen stärker als die der Gruben!“ Siehe Krajewski, Bernhard: 700 Jahre Neunkirchen. Ein geschichtlicher Rückblick aus Anlaß der 700jährigen Wiederkehr der urkundlichen Erstnennung Neunkirchens 1281, Neunkirchen 1981, S. 41. 30 Über den Zusammenhang von Migration, Industrialisierung und Urbanisierung vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995, S. 503-510. 18