und Stahlarbeiter bislang bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen angesichts ihrer sozialgeschichtlichen Bedeutung eigentlich zukäme. Überhaupt blieben die gra¬ vierenden sozialen Transformationsprozesse im Zuge der luxemburgischen Industriali¬ sierung, zu denen die Herausbildung der lohnabhängigen Industriearbeiterschaft zählt, außerhalb des Großherzogtums bislang weitgehend unbeachtet, obwohl das Land, ge¬ messen an seiner territorialen Größe und Einwohnerzahl, im späten 19. Jahrhundert zu einem bedeutsamen Industriestandort heranwuchs. Die vorliegende Studie möchte unter Anknüpfung an wenige Vorleistungen das seit langem offene Desiderat erfüllen, die Hüttenarbeiterschaff des Saarreviers wie des lu¬ xemburgischen Minettebassins ihrem historischen Gewicht entsprechend als eigenstän¬ dige soziale Gruppe zu profilieren. Die Hüttenarbeiterbevölkerungen von Neunkirchen und Düdelingen, ihre Zusammensetzung und ihr soziokulturelles Profil, ihre Lebens¬ und Arbeitsbedingungen sowie ihr Streben nach politischer und gesellschaftlicher Par¬ tizipation sind Gegenstand der vorliegenden Studie. Dabei soll besonders der von der Regionalgeschichtsforschung bislang weitgehend vernachlässigte Arbeitsplatz im „ge¬ mischten“ oder „integrierten“ Hüttenwerk untersucht und hinsichtlich möglicher Fol¬ geerscheinungen für die Konstituierung der Eisen- und Stahlarbeiterschaff als sozialer Gruppe hinterfragt werden.13 Gerade die Arbeitssituation im Eisen- und Stahlbetrieb prägte, so eine wichtige Ausgangshypothese der Studie, mentale und habituelle Disposi¬ tionen sowie soziale Relationen innerhalb der Hüttenarbeiterbevölkerungen. Durch den grenzüberschreitenden Vergleich leistet die Studie einen Beitrag zur sozi¬ algeschichtlichen Erforschung der Saar-Lor-Lux-Region. Nachdem die wirtschaftlichen Interdependenzen innerhalb der Großregion bereits ausführlich dargestellt wurden,14 stellte Stefan Leiner auch eine „soziale Vernetzung“ des Großraums fest, die durch Mig¬ 13 Zum Begriff des „integrierten“ oder „gemischten“ Hüttenwerks sowie den technischen Implikationen vgl. Feldenkirchen, Wilfried: Die Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets 1879-1914 (Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Beiheft 2.0), Wiesbaden 198z. Dabei folgte die Eisen- und Stahlindustrie in geradezu idealtypischer Weise dem übergreifenden Trend zu einer „economy of integration“: Aus Ratio- nalitäts- und damit Rentabilitätserwägungen heraus, aber auch zur Ausnutzung technisch-organisatori¬ scher Vorteile wurden verschiedene Produktionsstufen unter einem Dach beziehungsweise im Rahmen eines Unternehmens oder eines Konzerns integriert. Sehr plastisch verdeutlicht sich diese Strategie am Beispiel des Rohstoffmanagements: Integrierte Hüttenunternehmen waren bestrebt, Bergbauunterneh¬ men zur Sicherung des Kohlen- und Koksbedarfs zu akquirieren. Im weiteren Verlauf der Studie werden diese Integrationsmechanismen anhand der hier verhandelten Werke noch genauer geschildert. Allge¬ mein vgl. Welskopp, Thomas: Das Unternehmen als Körperschaff. Entwicklungslinien der institutio¬ neilen Bindung von Kapital und Arbeit im 19. und zo. Jahrhundert, in: Ellerbrock, Karl-Peter/Wi- SCHERMANN, Clemens (Hrsgg.): Die Wirtschaftsgeschichte vor der Herausforderung durch die New Institutional Economics (Untersuchungen zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte, Bd. Z4), Dortmund Z004, S. 19Z-Z15, S. zo6 £, obiges Zitat ebd., S. zo6. 14 Vgl. etwa Thomes, Paul: Wirtschaftliche Verflechtungen einer Grenzregion. Die Industrieland¬ schaft Saar-Lor-Lux im 19. Jahrhundert, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 14 (1988), S. 181-198. 14