37 So reicht der letzte einigermaßen selbständige Bearbeiter des Stoffes in der erzählenden Dichtung — das hiltlsche „Hofgeheimnis" (1873)96) ist eine bloße Kompilation — dem ersten über die Kluft von zwei Jahr- hunderten die Hand. Wenn sich auch unter sämtlichen Bearbeitungen, wie wir sahen, kein Kunstwerk befindet, so zeigen sich doch einige verheißungsvolle An- sätze dazu. Vorzüglich bei Vacano und lvorosdar. Vacano erschaute mit dem Zeherblick des Dichters — wie vor ihm Schiller — in der Gesamtheit, wie sie die kritische Forschung unserer Zeit zu Tage förderte, die Faktoren der Umwelt, die ihrerseits das Schicksal Sophie Dorotheas bestimmten, ohne freilich imstande zu sein, eine tiefere Beziehung herzustellen. Tr erschaute diese Motive, da es ihm gegeben war, das Milieu des kleinen deutschen Fürstenhofes lebhaft zu empfinden, der sich bemühte, in allen Stücken die Manieren des glänzenden französischen Hofes en miniature nachzuahmen.^) Des Hofes Louis' XIV., der „personifizierten Konvention" 9a), mit all seiner prunkenden Äußerlichkeit und seiner inneren Hohlheit, mit seinen raffi- nierten politischen Schachzügen und seiner hochausgebildeten Intriguen- kunst. Freilich fährt nicht aus diesen weltgeschichtlichen Gewitterwolken, die Vacano nur zu sammeln verstand, ein Blitz hernieder und fällt ein armes Menschenkind, sondern ein Dachziegel, von Menschenhand ge- schleudert, übernimmt die Funktion des Clements. — Diesem Dichter kam lvowsdar weit voraus, indem er im Dienste einer einheitlichen führenden Idee die glücklich, aber nicht so völlig wie vom Vorigen, erfaßten Motive verwandle. In der Idee dauert denn auch Ivorosdars Dichtung. Die Form ist dem Schicksal der Zeitlichkeit und der mangelnden Fähigkeit verfallen. Indessen zeigt das Beispiel dieses Dichters, daß der Stoff: „Die Prinzessin von Bhlden und Graf Königsmark" in der erzählenden Dich- tung einer Verklärung zum Kunstwerk wohl fähig wäre, fände er den rechten Meister.