Theoretik 269 System jedenfalls der Grundkategorien erforderlich, um Wahr- nehmung als Wahrnehmung, d. h. nicht bloß Gegebenheit überhaupt, sondern Gegebenheit in der Existenz, zu begrün- den. Sie ist also nichts weniger als bloß sinnlich, obgleich sie immer den sinnlichen Charakter voll bewahrt. „Sinnlich“ und „intellektuell“ sind für uns überhaupt nicht Gegensätze. „Nichts ist im Verstände, was nicht erst im Sinnlichen ge- wesen wäre“, lautet die alte Grundformel des Sensualismus. Dies „erst“ und „hernach“ machen wir nicht mit. Aber wohl würden wir sagen: nichts ist im Verstände, was nicht eben- sowohl im Sinnlichen, aber auch nichts ist im Sinnlichen (wenn wenigstens das „ist“ Existentialsinn haben soll), was nicht ebensowohl auch intellektual, d. h. kategorial, sich darstellen müßte. Das heißt, es gibt keine „Materie“ anders als das zu Formende und, sofern sie existential gegeben sein soll, notwendig auch Geformte; so wie keine Form anders als in der zu vollziehenden und, sofern existential gegeben, auch tatsächlich vollzogenen Formung einer Materie. Materie und Form sind also zueinander streng korrelativ, logisch simultan, ohne Vorher und Nachher. Aber „Wahrnehmung“ bezeichnet an dem Aristotelischen avvolov („das Ganze zu- sammen“, nämlich eben Materie in Form, Form in Materie, das „Concretum“, pflegt übersetzt zu werden) eben die Seite der Materie und insofern des Sinnlichen, die kategoriale Prägung dagegen die Seite der Form, d. h. des Intellektuellen. Wir würden am liebsten „Wahrnehmung“ einfach verstehen als eben dies: die voll konkrete Vereinigung von Materie und Form, das Sinnliche in seiner intellektuellen, d. i. kategorialen Formung. Ist also die Empfindung punktuell, und zwar mit der Geltung des Nullpunktes in Hinsicht der kategorialen Formung sowohl wie der materialen Sinngebung; Anschau- ung dagegen linear, von der einen (eben der formalen) Seite gesehen also formend, konstruktiv (was bei Kant in der „pro- duktiven Einbildungskraft“ oder „Synthesis der Repro-