Theoretik. 267 im Produzieren auch reproduzierenden „Einbildungskraft“ (Bildentwerfung, Imaginatio) schließlich nicht fruchtbar ge- macht im Sinne einer gründlichen Befreiung zum rein Schöp- ferischen. Erst spät, in der Kritik der Urteilskraft, die in so vielem über die ursprüngliche Systemanlage hinausgreift, namentlich dem Probleme der Individuation ganz anders nahe rückt, als es in den beiden ersten Kritiken geschehen war, gelangt auch die „Anschauung“ zu einer ganz anderen Le- bendigkeit, Innerlichkeit und schöpferischen Kraft. § 105. Aber wir haben vorerst noch im Bereiche der Sinn- lichkeit stehen zu bleiben. Denn diese ist mit dem materialen Faktor der Empfindung und dem formalen der Anschauung nicht erschöpft, sondern weist als ein Drittes, welches jene beiden als Elemente stets in sich schließt, die Wahrneh- mung auf. Ihr deutlich unterscheidendes Merkmal ist Be- zogenheit auf Existenz. Warum geht der Empfindung und der Anschauung die Existenzgeltung ab ? Geht sie ihnen wirk- lich ab ? Soll Anschauung Darstellung in individuo sein, so ist wenigstens das Letztindividuale damit zugleich das Wirk- liche; diese Gleichung — das Individuale das Wirkliche, das Wirkliche das Individuale — haben wir wiederholt ausge- sprochen und, wie ich denke, zulänglich begründet. Aber an das Letztindividuale ist bei der Erklärung der Anschauung als Darstellung in individuo (Individuation, wie wir sagen) in der Tat nicht zu denken. Wirklichkeit müßte auch irgendwie zur Anschauung kommen können. Aber Anschaulichkeit ist zwar ein konstitutives Moment der Wirklichkeit, aber nicht für sich zureichend, sie zu begründen, sondern dazu gehören die Kategorien, und zwar nicht die der Modalität allein, son- dern sämtliche. Diese sind ja auch bei Kant auf die Anschau- ung notwendig zu beziehen, in ihr zu schematisieren, d. h. nur an und in ihr konkret zu vollziehen; nur so können sie sich wirklich gestaltend, nämlich den Gegenstand gestaltend, be- tätigen, so wie die Form der Anschauung an der Materie der