84 Mythus und Kultur keiten verkannt werden, die der Geburt und der Durch- setzung des notwendig gewordenen neuen religiösen Mythus in der heutigen Weltlage im Wege stehen. Wie wird sich seine Auseinandersetzung mit dem ver- wissenschaftlichten Geist unserer Kultur, d. h. sein Verhältnis zum „Logos“ gestalten ? „Ohne Logos kann eine große religiöse Lebenswelt ebensowenig bestehen wie ohne Mythos,“ sagt Ernst Troeltsch, der der Spannung zwischen Denken und Leben, Syste- matik und Geschichte, Logos und Mythos, wie über- haupt der religiösen Problematik unserer Tage tiefst- greifende Überlegungen gewidmet hat (vgl. u. a. die grundlegende Abhandlung «Logos und Mythos in Theologie und Religionsphiiosophie»; abgedruckt in Gesammelte Schriften, 2. Band: «Zur religiösen Lage, Religionsphilosophie und Ethik» S. 805ff.). Ferner: Welche Momente werden in den neuen Mythus aus dem Christentum einfließen, und welche Rolle wird und kann überhaupt bei seiner Entstehung und Ver- breitung das Christentum spielen ? Die Zukunft des Christentums, d. h. Art und Grad seiner Beteiligung an der werdenden Kultur sind in den letzten Jahren mit begreiflicher Lebhaftigkeit erörtert worden. - Aber sowohl hier als bei der zuerst aufgeworfenen Frage läßt sich mit rein wissenschaftlichen Mitteln eine Entscheidung nicht fällen (so auch Troeltsch, u. a. S. 824). Alle derartigen Erörterungen würden wie eine Voraussage der Zukunft erscheinen. Erstens aber kann die Vorherbestimmung zukünftigen Geschehens nicht als eine wissenschaftlich mögliche oder zulässige Aufgabe gelten. Zweitens würde das Genie, das uns den erhofften religiösen Mythus brächte, alle Voraus- sagen, mögen sie noch so umsichtig vorgenommen sein, über den Haufen werfen. Denn es schöpft aus Tiefen des Lebens und Erlebens, die jenseits der wissenschaftlichen Erfassung liegen.