82 Mythus und Kultur und Welt“, und den wir, weil wir zu sehr an ihn gewöhnt sind, in seiner Eigenart nicht mehr hinreichend zu wür- digen vermögen, nicht nur wegen seiner spekulativen Kühnheit, ja Verwegenheit, sondern als überwältigende Zusammenfassung der für Europas Gesinnung charak- teristischen Auffassungs- und Bewertungsweise des Seienden. Der Sinn des Werdens ist das Suchen nach dem Absoluten. Und keinen Mythus haben die vergangenen Jahrzehnte, also die der Vorrangstellung des Historis- mus und des Relativismus, in denen der Begriff der Ent- wicklung der leitende und bestimmende Gesichtspunkt für alle Unternehmungen des Geisteslebens war, stärker und umfassender, einheitlicher und folgerichtiger aus- gebildet als den Mythus vom ewigen Werden. Des Orientalen, des religiösen Menschen Wesen da- gegen ruht stets im Absoluten. Er nimmt die Welt der Erfahrung niemals so schwer und so ernst, daß er darüber ihren Charakter als bloße Erscheinung ver- gessen, ihre Unwesentlichkeit übersehen würde. Wäh- rend sich der Europäer mit ihrer Problematik herum- schlägt und ihr schon damit einen entschiedenen Wert zubilligt, steht der Orientale, steht der religiöse Mensch jenseits dieser Problematik, steht er im Sein, richtet er sich auf das Wesen der Dinge.1) Für den Sinn dieser Leistung und dieses Verhaltens dürfte aber keine Be- zeichnung angemessener sein als die, daß hier der *) In diesem Zusammenhang dürfte der Hinweis darauf berechtigt sein, daß diejenige Persönlichkeit, die durch die Innigkeit ihres religiösen Lebens das Gewissen Europas in den letzten Jahren mächtig aufgerüttelt hat, aus dem Orient stammt. Es ist der soeben erwähnte Sädhu Sundar Singh; sein Leben, seine Bekehrung zum Christentum, seine religiöse Vorstellungswelt und seine Bedeutung hat Friedrich Heiler in seinem auf S. 80 Anm. genannten Buch, das gerade um der religiösen Problematik der Gegenwart willen aufmerksamste Beachtung verdient, eingehend geschildert. Heiler legt überzeugend dar, wie außerordentlich wichtig Sundar Singhs Botschaft nicht nur für Indien, sondern auch für die abendländische