64 Mythus und Kultur Gänge, 3. Bd. S. 31 f.). Das Begreifen beseitige den Mythus, da es alles jenseits des Formalen und Begriff- lichen Liegende grundsätzlich in den Kreis des Be- griffes hineinzieht. Welche paradoxen Folgen ergaben sich daraus, daß David Friedrich Strauß in seinem «Leben Jesu» (1835) die Berichte über Jesu als „My- then“ entschleierte! Denn dadurch, daß jene Er- zählungen als Mythen erkannt und durchschaut wur- den, wurden alle geheimnisvollen Realitäten und die Realität des Geheimnisses, die nur so lange bestehen, als sie in* ihrem Mythus-Sein von der Kritik und dem Intellekt nicht berührt werden, dem Wissen und dem Wissenden ausgeliefert. Damit jedoch verblaßte und zerstob ihr „Mythus“. Der Mythus ist eine natürliche und organische Äußerung des religiösen Bewußtseins; es lebt in ihm und mit ihm. Für das wissenschaftliche Bewußtsein ist er nichts als ein Untersuchungsgegen- stand, deren es für dasselbe zahllose gibt. Ihnen allen steht die Wissenschaft in der gleichen kritischen Neu- tralität gegenüber. Sie alle werden von ihr mit der- selben begrifflichen und methodischen Technik be- arbeitet. Indem nun die Wissenschaft den Mythus in diese wertfreie Zone der sachlichen Untersuchung hineinzieht, ihn hinsichtlich seiner Entstehung und Entwicklung und hinsichtlich der Umstände seines ästhetischen und literarischen Geformtwerdens ins Auge faßt, ihn mit Auslegungen und Erklärungen begleitet, raubt sie ihm bei diesem Vorgang seiner intellektuellen Durchdringung gerade diejenigen Mo- mente, wegen deren er dem religiösen Bewußtsein so wert ist. Während das religiöse Bewußtsein sich in einem Mythus verklärt, sucht das wissenschaft- liche ihn zu erklären. Während die mythenbildende und für Mythen begabte und empfängliche Phantasie in der Realität des Mythus sich darstellt, streben wir „aufgeklärte“, durch einen ungeheuren Intellek-