Unsere Zeit und das Problem des Mythus 63 Zeit in all der Fülle ihres Wollens und Ringens, ihrer Unfertigkeiten und ihrer Leistungen, ihres Planens und ihres Vollbringens erleuchtet. — a) Nun scheint allgemein nichts ausgemachter, nichts sicherer zu sein als die Behauptung, daß unserer Zeit ein solcher, sie kennzeichnender Mythus fehle. Mögen, so könnte eingewendet werden, die Geschichtsphilo- sophen noch so sehr die Notwendigkeit und die kultur- schöpferische Bedeutung des Mythus betonen, sogar nachgewiesen zu haben glauben (vgl. die Eihleitung und das 1. Kapitel dieser Abhandlung), trotzdem könne man nicht umhin, einzuräumen, daß alle Be- mühungen, einen solchen Mythus in der Gegenwart aufzufinden, ergebnislos bleiben würden. Zwei Gründe ließen sich zur Stützung dieser Be- hauptung beibringen. Erstens dulde die immer mehr zunehmende Aufklärung und die doch zu außerordent- licher Höhe emporgestiegene und emporgetriebene Ausbildung der Kritik das Fortbestehen eines Mythus einfach nicht. Jeder von uns sei von der modernen geisteswissenschaftlichen Schulung unmittelbar oder mittelbar berührt. Ist deren Hauptarbeit und Haupt- absicht aber nicht darauf gerichtet, und zwar mit dem größten Erfolge, die Mehrzahl der sogenannten histo- rischen „Wahrheiten“ als Sagen und Mythen abzutun, oft ohne auch nur den leisesten Versuch zu unter- nehmen, ihren Sinn und damit ihr Recht aufzuhellen ? ln der Wissenschaft und in der durch sie veranlaßten, nahezu uferlosen Rationalisierung unseres ganzen Geisteslebens hätten wir uns, allerdings in unabweis- barer Zwangsläufigkeit, den Erb- und Erzfeind des Mythus herangezogen. Deshalb müßte man Fr. Th. Vischer zustimmen, der da erklärt: „Der Tod eines Mythus ist nur die in die Majorität eingedrungene Einsicht, daß es eben ein Mythus ist“ (Kritische