60 Mythus und Kultur Gegensatzes zwischen dem Irdischen und dem Unver- gänglichen. Darin ist das eine Moment seines gewal- tigen -Reizes und Einflusses begründet. Er führt in tausendfältiger Ausmalung die Verweslichung des Menschen und die Unverweslichkeit des Göttlichen vor Augen. Dadurch schreckt er das Gewissen, die Angst, die Hoffnung auf. Zugleich läßt er andererseits alles Sterben vergehen und trägt alle ,,verlorenen Kinder“ mit feurigen Armen zur Ewigkeit empor. Dadurch beruhigt er die Sorgen, tilgt er die Ängste und schafft sich eine ungleich größere Gefolgschaft als durch alle Betonung der empirischen und der meta- physischen Zwiespältigkeiten und Antinomien. Er ist aus allen diesen Gründen ohne Frage der lebendigste, der eindrucksvollste, der wuchtigste Mythus, eine Gestalt von unerhörter kulturschöpfe- rischer Macht. Das läßt sich aus seinem Begriff a priori deduzieren; das läßt sich auch rein erfahrungs- gemäß durch zahllose Beispiele der konkreten ge- schichtlichen Wirklichkeit belegen. Will man die un- ermeßliche Bedeutung begreifen, die der Idee des Ab- soluten für alle Formen und Zweige der geschichtlichen Kultur eignet, so bietet sich kaum ein ergiebigerer Untersuchungsgegenstand dar als der religiöse Mythus. Und es wird verständlich, daß er gerade dann sich meldet, wenn eine Zeit ganz tief, sozusagen rettungs- los an den Relativismus sich verloren und die Be- ziehung zum Absoluten völlig preisgegeben zu haben scheint. Nur ist es erforderlich, sein Wesen auch dann zu erkennen und seine Funktion auch dann zu wür- digen, falls er in solchen scheinbar abgeirrten, weil scheinbar ganz unmetaphysisch gewordenen Zeit- altern in grotesken Gestalten auf tritt, in Gestalten, die wie eine Fratze des Religiösen aussehen, weil sie allen unendlichen Sinn und Gehalt der Kultur miß- verstehen bzw. banalisieren. —