58 Mythus und Kultur Prozeß dar, daß hier, vergleichsweise stärker als bei den Absolutisten des Logos oder bei denen der Bil- dungsidee oder bei denen der Kunst, die Grenze zwi- schen Erscheinung und Idee wie aufgehoben ist. Deshalb löst sich und erlischt bei ihnen die Spannung zwischen Absolutem und Relativem; der Symbol- charakter und Gleichniswert alles Seienden tritt in ihrem Glauben bereits wieder als eine Seinsgestalt hervor und formt sich für sie zu geschichtlicher Wirk- lichkeit. In ihnen wird die Religion und die religiöse Absolutheit gleichsam Fleisch und Blut, sie wird zur religiösen Person, sie verdichtet sich zu einer sinn- fälligen, konkreten und doch über alle menschlichen Schranken erhabenen Gestalt. Sie wandeln in einer Sphäre, die ebenso jenseits der Zone der Erscheinungen und bereits im Reiche der Erfüllung als auch sozusagen diesseits alles Jenseitß liegt. Die Zweifel, von denen sie heimgesucht werden, ruhen auf dem Grunde der Gewißheit; ihre endliche Existenz weiß sich mit un- erschütterlicher Sicherheit, so oft auch sie vor dem Sturz in das Nichts zu stehen scheinen, bereits in aller ihrer Empirie im Unbedingten geborgen. Aber dieses Wissen ist kein intellektueller Vorgang, sondern eine persönliche Seligkeit; jedeVerrichtung, auch die äußer- lichste, hat bei ihnen den Sinn einer Kulthandlung und erhebtsichzurBedeutungeinesGleichnissesundMythus. Deshalb ist es auch kein Zufall oder Wunder, daß es gerade ihr Leben und ihr Schicksal sind, die so leicht und so gern in das Licht des Mythus und der Legende gerückt werden und so schnell und bequem den Cha- rakter des Mythus und der Legende annehmen. Über- haupt ruht der Sinn jeder geschichtlichen Leistung, wie schon oben angedeutet wurde, in der Übersteige- rung des geschichtlichen Bestandes zur Intelligibilität und Ewigkeit irgendeines Wertes. Diese Übersteige- rung läßt sich an sich auch an dem Philosophen-