Typische Sondermythen 57 folglich darnach die gesamte Wirklichkeit der Gemüts- und Geisteskräfte anders bestimmen.“ Und in den «Ideen» Friedrich Schlegels heißt es (Athenäum III, 1): „Die Religion ist nicht bloß ein Teil der Bil- dung, ein Glied der Menschheit, sondern das Zentrum aller übrigen, überall das Erste und Höchste, das schlechthin Ursprüngliche.“ Ferner ebenda: „Die Idee der Gottheit ist die Idee aller Ideen.“ Die reine, sozusagen ungemischte und ungebrochene Herausstellung der Absolutheit der Religion gelang innerhalb des Kreises der Romantiker im Grunde je- doch nur dem einen Schleiermacher, der be- zeichnenderweise von sich bekannte, daß er zur Kunst noch weniger ein eigentliches Verhältnis habe als zur Natur (Hayni, Die Romantische Schule, 2. Aufl., S. 459). Denn was in dem merkwürdigen Fragment von Novalis: «Die Christenheit oder Europa» an religiösen Stimmungen und Ideen vorhanden ist, ist bis in seine Glaubensvoraussetzungen hinein von Schleiermachers Reden abhängig. Doch erübrigt es sich, an dieser Stelle auf Schleiermachers Verhältnis zur Religion und auf die absolute Bedeutung einzu- gehen, die sie für ihn hatte. (Ebenso bleibt hier natür- lich seine religionsphilosophische und religionspsycho- logische Leistung unerwähnt.) Er gehört in die Reihe jener ausschließlichen und unbedingten Naturen, deren Leben, wie das z. B. bei Mose, Jesus, Mohammed, Franz von Assisi, Luther der Fall war, bis in die ein- zelnen, auch unwichtigen Züge und Handlungen hinein, die aber dadurch alle Unwesentlichkeit verloren, von einem geradezu persönlichen Verhältnis zum Ewigen erfüllt, durch ein unmittelbares Besitzergreifen und Gewißsein des Absoluten gekennzeichnet ist. Bei ihnen ist das Transzendieren zum Absoluten so sehr der Anfang und das Ende ihres Seins, es stellt einen so unaufhörlichen und einen so unantastbar sicheren