Typische Sondermythen 55 ganzen Stimmung heraus nichts Anderes zur Versinn- lichung des Unendlichen genügen konnte. An die Stelle der harten formalen Zweckordnung des Gesetzes trat der romantische Begriff des Unendlichen im Sinne unerschöpflicher Tiefe und Fülle, die die Romantik ungleich mehr reizten und ihr ungleich mehr sagten als alle gesetzliche Strenge und Ordnung. So definiert Wilhelm Schlegel in seinen grundlegenden Berliner Vorlesungen «Über schöne Literatur und Kunst» das Schöne als die symbolische Darstellung des Unend- lichen. Auch in diesem entscheidenden Punkt ist er ein Schüler und Nachfolger Schellings, der in seinem «System des transzendentalen Idealismus» in dem Kapitel über die Deduktion der Hauptsätze der Philo- sophie der Kunst (6. Hauptabschnitt) von dem Künst- ler gesagt hatte, er „scheint, so absichtsvoll er ist, doch in Ansehung dessen, was das eigentlich Objektive in. seiner Hervorbringung ist, unter der Einwirkung einer Macht zu stehen, die ihn von allen anderen Menschen absondert und ihn Dinge auszusprechen und darzu- stellen zwingt, die er selbst nicht vollständig durch- sieht, und deren Sinn unendlich ist.“ „Der Grund- charakter des Kunstwerks ist eine bewußtlose Unend- lichkeit (Synthesis von Natur und Freiheit). Der Künstler scheint in seinem Werk außer dem, was er mit offenbarer Absicht darein gelegt hat, instinkt- mäßig gleichsam eine Unendlichkeit dargestellt zu haben, welche ganz zu entwickeln kein endlicher Ver- stand fähig ist. Um uns nur durch Ein Beispiel deut- lich zu machen, so ist die griechische Mythologie, von der es unleugbar ist, daß sie einen unendlichen Sinn und Symbole für alle Ideen in sich schließt unter einem Volk und auf eine Weise entstanden, welche beide eine durchgängige Absichtlichkeit in der Er- findung und in der Harmonie, mit der alles zu Einem großen Ganzen vereinigt ist, unmöglich annehmen