54 Mythus und Kultur wandeln, und wir dürfen kühnlich behaupten, daß wir dann schon irdisch unsterblich sind“1). Diese Aufgabe und diese Funktion eignen aber des- halb der Kunst, weil sie es ist, in der der Atem und die Kraft des Kosmos, des Ewigen glühen, weil sie es ist, in der der Weltgeist sich auswirkt. Das ist der Grund- gedanke und das Dogma dieses ästhetischen Idealis- mus im Gegensatz zu dem ethischen Idealismus, der in dem guten Willen, in der praktischen Vernunft den Ausdruck des Absoluten erblickt. ,, Alle heiligen Spiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von dem unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich selbst bildenden Kunstwerk,“ sagt Friedrich Schlegel. Wir haben somit nicht die Ansicht der Aufklärung vor uns, die den Bau des Weltalls allerdings auch in Analogie zu einem Kunstwerk, aber einem solchen mechanischer Struktur vorstellte und in diesem Sinne Gott als Weltarchitekten und Weltmechaniker dachte. Indem nämlich die Aufklärung überall in der Welt Zweckmäßigkeiten und planvolle Zurichtungen fand, führte der Gedanke der mechanischen Gesetzmäßigkeit zur Vorstellung, das All sei ein aus der Vernunfttätig- keit Gottes hervorgegangenes Kunstwerk. Die grund- sätzliche Wegleitung für die ganze Weltauffassung der Aufklärung war der enge Anschluß an die mathe- matisch-mechanischen Naturwissenschaften; und des- halb war es in erster Linie der Begriff der formalen Ordnung, der das Verbindungsglied und die Grund- lage zur Herstellung jener Analogie darbot. Die Romantik dagegen sah im Kunstwerk darum ein Symbol des Kosmos, des Alls, weil ihr aus ihrer *) Ob und in welchem Sinne auf die romantische Ver- absolutierung der Kunst Schillers Kunsttheorie eingewirkt hat, die besonders in den Ästhetischen Briefen zur Größe einer Metaphysik der Kunst aufwuchs, mag hier uner- örtert bleiben.