Typische Sondermythen 51 und zum Halt für ihre ganze Gesinnung und Lebens* führung geworden. Diese pädagogisch-humanistische Wesensseite, des Griechen-Mythus findet, was in dem Zusammenhang unserer Betrachtungen eine besondere Beachtung ver- dient, ihre höchst interessante Bewährung in der poli- tisch-nationalen Verwendung jenes Mythus, Nicht ausgeschlossen, daß für seine Entstehung auch poli- tische und nationale Beweggründe und Stimmungen maßgebend gewesen sind. In seiner zur Reichs- gründungsfeier der Berliner Universität am 18. Januar 1923 gehaltenen Festrede hat Eduard Spranger in knappen, aber aufschlußreichen und fesselnden Schil- derungen den «Anteil des Neuhumanismus an der Entstehung des deutschen Nationalbewußtseins» dar- gestellt. Er zeigt hier, daß seit Herder sich „die Sehn- sucht des modernen Geistes überall in die geschicht- liche • Auffassung des Griechentums hineinflocht“ (S. 5), daß man „damals alles Beste und Höchste, dessen man das Deutschtum fähig glaubte, im Spiegel des Griechentums“ sah (S. 6). So trägt die Inter- pretation des griechischen Lebens alle Züge eines politischen Mythus, sei es, daß es sich um eine Ausdeutung des Spartanertums für jene Zwecke handelt, wie bei dem alten Bodiner in Zürich, der seiner heimischen Republik damit ein neues, vorbildliches Lebensideal entgegenstellte, sei es, daß die Griechen überhaupt ganz allgemein als begeisternde Beispiele für die Entwicklung zu einem kraftvollen National- bewußtsein gebraucht werden. Bei E. M. Arndt, bei Ludwig Jahn, bei Süwern, „der sich für seinen klassi- schen Unterrichtsentwurf auf Lykurg berief“ (S. 8)1), bei Wilhelm von Humboldt, den Philologen und Gym- *) Vgl. die eingehende Studie über Süwern von Wilhelm Dilthey; jetzt abgedruckt in Gesammelte Schriften, 4. Band S. 451 ff. 4*