50 Mythus und Kultur bende, geradezu Kulturschaffende Wichtigkeit, die darin zum Ausdruck gelangt, daß es mit seiner Hilfe Humboldt möglich wurde, seiner Idee und Sehnsucht und seinen sittlichen und künstlerischen Forderungen eine lebendige, wirkungsvolle Gestalt zu geben. Außerdem gewann er dadurch die Grundlage für seine Erziehungspläne und seine pädagogischen Re- formbestrebungen. Ihm selber und seinem Kreise mußten das Recht und die Notwendigkeit seiner pädagogischen Ideen und Maßnahmen um so mehr einleuchten, je mehr er ihnen in dem Griechen-Mythus Fleisch und Blut zu verleihen vermochte und in diesem Mythus die Wirklichkeit seines Ideals beglaubigte. Dieser Mythus versinnlichte und sprach aus, was man kurz die absolute Gestalt und den absoluten Sinn aller menschlichen Bildung — unter den Bedingungen, die der Geist des Neuhumanismus diesem Begriff der Bildung gab — nennen darf. Denn dieser Sinn gipfelte in der griechischen Kalokagathie, die eine innere Ver- bindung darstellt,,edler, großer, eines Freien wahrhaft würdiger Gesinnungen in der Seele und dieser lebendige Ausdruck derselben in der Sittlichkeit der Bildung, und der Grazie der Bewegungen des Körpers“ und ,,die sich bei keinem Volke wieder in dem hohen Grade findet“ wie bei den Griechen.------ 2. An dem Mythus vom Griechentum läßt sich nun auch als an einem hervorragenden Sonderfall die ge- radezu ungemeine Bedeutung studieren und erkennen, die der Mythus überhaupt innerhalb der menschlichen Gesellschaft und für dieselbe besitzt. Es bedarf in dieser Beziehung nur eines kurzen Hinweises darauf, daß Wilhelm von Humboldt zu den Schöpfern des huma- nistischen Gymnasiums gehört. Ist doch durch dieses der Mythus vom Griechentum für ungezählte Ge- schlechter zu einer entscheidenden pädagogischen Wertform, ja zur Substanz ihres sittlichen Wesens