Typische Sondermythen 49 der Entfaltung aller Kräfte und ihrer harmonischen Verwebung zur Einheit einer Vollgestalt war die ge- danklich-sittliche Grundlage jenes Mythus. Das be- stimmende Motiv für seine bildhafte Durchführung aber war die Aussicht, den Wert und das Recht dieser Idee durch die Auf Weisung ihrer geschichtlichen Wirk- lichkeit zu erhärten. Mochte man auch zu dem Zu- geständnis oder der Einschränkung sich gedrängt sehen, daß „auch der Begriff des Ideals es notwendig mit sich bringt, daß sich die Idee der Möglichkeit ihres Erscheinens unterwerfe“. Trotzdem hebt Humboldt die außerordentliche pädagogische Bedeutung dieses Mythus mit starken Worten hervor: „Wer, wie der Grieche, mit Schönheit der Formen genährt, und so enthusiastisch, wie er, für Schönheit und vorzüglich auch für sinnliche gestimmt ist, der muß endlich gegen die moralische Disproportion ein gleich feines Gefühl besitzen als gegen die physische. Aus allem Gesagten ist also eine große Tendenz der Griechen, den Menschen in der möglichsten Vielseitigkeit auszubilden, un- leugbar.“ „Der gefühlvolle Kenner (!) des Altertums, der die harmonische Ausbildung aller Kräfte, die edle Freiheit der Gesinnungen, die Entfernung von allen niedrigen Beschäftigungen, den edlen Müßiggang und die hohe Schätzung des inneren Menschen unter den Griechen mit hohem Erstaunen bewundert, wird nicht ohne Scham und Niedergeschlagenheit bemerken, daß unter uns fast jeder nur einzelne Anlagen einseitig entwickelt, daß die Freiheit des Geistes mancherlei Fesseln erduldet, daß eine mühselige Geschäftigkeit einen großen Teil unseres Lebens hinwegnimmt und die innere Ausbildung nicht selten der äußeren Wirk- samkeit nachgesetzt wird.“ Welche Abstriche die historische und philologische Einzelforschung an diesem Gemälde vornehmen mochte, unberührt davon bleibt seine ausschlagge- Llcbert, Mythus und Kultur. 4