40 Mythus und Kultur Legende reden, heißt also nicht etwa, die Existenz Platons in Abrede stellen, ebenso wenig die Möglich- keit einer objektiven Erkenntnis der philosophischen Leistung Platons bezweifeln. Die geisteswissenschaft- liche Hermeneutik, dieses beinahe wichtigste Kapitel einer theoretischen Grundlegung der Geschichts- wissenschaft, zeigt, daß es eine Reihe wissenschaftlich einander gleichberechtigter Formen und Typen der Auffassung und Auslegung gibt, und daß das , Recht4 und die Objektivität einer jeden in der inneren Folge- richtigkeit und in der methodischen Strenge des in ihr sich erfüllenden Bildes begründet sind.-------- Die ewige Aktualität der ganz großen Geister der Weltgeschichte prägt sich darin aus, daß jedes Zeit- alter und jedes Geschlecht sie nach seinen Bedürfnissen sich zurechtlegen kann. Es entdeckt an ihnen irgend- welche Momente, die zu seinem Wesen eine besondere fesselnde Beziehung haben. Und diese Momente wer- den nun in umdeutender Vereinseitigung aus der Gesamtheit des Originals herausgelöst. Das im prak- tischen und wissenschaftlichen Leben so unendlich häufig geübte Verfahren der Auslegung beruht auf den sehr starken mythologisierenden Neigungen der menschlichen Natur und dient denselben und unter- steht in weitem Umfange der mythologisierenden Phantasie. Außer Platon sind es von den Philosophen im we- sentlichen wohl in erster Linie noch Spinoza und Kant, deren Leistung in die Form des Mythus ein- gegangen ist. Vornehmlich auf diese Weise gedieh ihr Werk zu seiner außerordentlichen geschichtlichen und weltanschaulichen Wirksamkeit. Wenn Georg Simmel seine Darstellung der Philosophie Kants mit der Erklärung einleitet: ,,Die Absicht dieses Buches ist keine philosophisch-geschichtliche, sondern eine rein philosophische. Es gilt ausschließlich, diejenigen