Typische Sondermythen 39 eine wiederum aus konstruktiver Deutung erfolgende Auslegung. Sie schuf den Mythus, Platon sei vor allem Erkenntnistheoretiker und als solcher ein Vorläufer der kritisch-transzendentalen Logik. Dieser Mythus ist gleichsam nach der der Renaissanceauffassung ent- gegengesetzten Seite gerichtet, wie sie in der Haupt- sache Paul Natorp in seinem bekannten Platonbuch entwickelt. Welche von beiden Auffassungen und Darstellungen ist im Recht ? Wenn wir antworten: beide, so geschieht das nicht in der Meinung, daß sich nun durch ihre Vereinigung ein angemessenes und erschöpfendes Bild des ,ganzen4 Platon hersteilen ließe. Sie haben beide Recht, weil sie die Auslegung unter Heranziehung der aus ihrer Zeit oder aus ihrem besonderen, ihnen zu- gehörigen Gedanken- und Lebenskreise hervorgehen- den Auffassungs- und Interessenrichtungen vorneh- men. Diese methodische Einseitigkeit ist natürlich einem in methodischen Dingen geradezu vorbildlichen Kopfe wie Hermann Cohen durchaus bewußt. Sagt er doch in seiner Schrift: «Platos Ideenlehre und die Mathematik»: ,,Denn das ist ja eine füglich anerkannte Sache, daß es in letzter Instanz kein anderes zureichend objektives Kriterium gibt für die Beurteilung des Echten, des Reifen, des Hauptsächlichen, ja beinahe muß man sagen, des ernsthaft Gemeinten in Platon, als die eigene wissenschaftliche Subjektivität, als die erkenntnistheoretische Einsicht, über die ein jeglicher zu verfügen hat“ (S. 6). (Vgl. auch den Aufsatz von Julius Stenzei, Zum Problem der Philosophie- geschichte; Kant-Studien Band XXVI, Heft 3—4 S. 416ff.) Demgemäß wäre die Vereinigung der verschiedenen Auslegungsformen ein Akt systematischer Deutung, der der Eigenart einer vornehmlich synthetischen Denkart entsprechen würde. Von einer Platon-