Typische Sondermythen 37 Struktur- und Typenpsychologie als Grundlage der Geisteswissenschaften — hier wäre in vorderster Linie Eduard Sprangers Werk: „Lebensformen“ zu nennen — muß es sich angelegen sein lassen, die maß- gebenden Hauptarten der Mythen zu studieren, weil gerade ihre Erfassung ungemein geeignet ist, unser historisches Verständnis zu fördern. In den Haupt- mythen der Kultur liegen charakteristische Verdich- tungen typisch-menschlicher Einstellungen zur Wirk- lichkeit vor, die oft wie mit einem Blitz die Grund- verfassung ganzer Zeitabschnitte und Generationen erhellen. — * * * A. Einen interessanten Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptungen bietet der in den mannigfachsten Gestalten und Abwandlungen immer wieder auftretende Mythus von Platon und vom Platonismus. Fast regelmäßig macht sich auf hervorstechenden Stufen der abendländischen Geistesgeschichte eine bestimmte Ausprägung dieses Mythus geltend. Es wird gewöhnlich angenommen, seit der durch Cosimo von Medici bewirkten Gründung der Pla- tonischen Akademie zu Florenz datiere die vertiefte Erneuerung der Kenntnis und des Studiums der Philosophie Platos. Tatsächlich aber haben wir hier, wie ich an anderer Stelle darzutun versucht habe, eine legendarische Zurechtmachung der eigenen Le- bensstimmungen und Weltanschauung unter der Führung und dem bestimmenden Einfluß eines Sym- bols vor uns, dem man einzelne, an Platon anklingende Züge lieh. Die besondere Lage und Geistesverfassung der Renaissance verlangte nach einer Heiligenfigur und nach einer Philosophengestalt, die möglichst stark