26 Mythus und Kultur I). Der metaphysische Sinn, der in dieser durch den Mythus sich vollziehenden Wendung des Lebens ruht, und um dessentwillen das Leben zur Schöpfung eines Mythus greift, läßt sich auch durch folgende Über- legung klarstellen oder zum mindesten umschreiben. Der übliche Ablauf der geschichtlichen Bewegung verstrickt Menschen und Zeiten immer unerbittlicher in das Netz empirischen Geschehens, umklammert sie immer stärker mit starren, seelenlosen Konventionen und formalen Bindungen, pflanzt vor ihnen Größen und Autoritäten auf, deren Recht und Anerkennung schließlich nur auf der äußeren Dauer ihres Daseins und nur auf einer durch Gewohnheit gestützten Tra- dition gegründet scheinen. Mit einem starken Wort: Das Reich der Schatten und die Gesetze der Schatten - weit breiten sich immer mehr aus. Alle geschichtlichen Geltungen scheinen alsdann ihr Ansehen und ihre Bürgschaft lediglich aus der Tatsächlichkeit des Um- standes zu ziehen, daß sie unter bestimmten histori- schen Bedingungen entstanden sind und damit einem bestimmten historischen Zusammenhang angehören. Aus der Tatsache, daß sie geworden sind und einen Teil des geschichtlichen Bestandes darstellen, suchen sie ihren Wert abzuleiten und zu beglaubigen. Und macht man sich an ihre Begründung, unternimmt man ihre Rechtfertigung4, dann glaubt man, mit einer entwicklungsgeschichtlichen Ableitung und Be- trachtung auskommen zu können. Da jedoch keine Tatsächlichkeit einen Wert, eine Bedeutung zu schaffen imstande ist, und mag sie einen noch so großen historischen Raum einnehmen, so gerät das geschichtliche Leben, wenn es einmal keiner an- deren Leitung unterstellt ist als den empirischen Ge- setzen seines konkreten Daseins und Dahingetrieben-