24 Mythus und Kultur giöse Glaube für sich den Vorzug und die Besonderheit in Anspruch nehmen, daß er allein ein Anrecht auf den Mythus besäße. Was ihn auszeichnet, ist nur eine spezifische Form des Mythus, vielleicht eine solche von der größten Inhaltlichkeit und Innigkeit und darum begabt mit dem stärksten Antrieb zur Er- lösung, zur Weltüberwindung. Doch eignet religiösen Zeitaltern keineswegs der ausschließliche Besitz eines Mythus, keineswegs das ausschließliche Anrecht an einem solchen. Denn überall da, wo sich innerhalb des geschichtlichen Lebens eine Beziehung zu einem in diesem Leben nicht ganz eingebetteten und sich ihm nicht restlos ausliefernden Sinnhaft-Absoluten er- öffnet, stehen wir vor der Wirksamkeit eines Mythus. Und da sich diese Durchbrechungen der empirischen Lebenszone an hunderttausend Ecken zeigen, da die Dialektik und Paradoxie der Kultur in einer un- aufhörlichen Transzendierung ihrer Bestandteile und Vorgänge besteht, worauf besonders Georg Simmel und Heinrich Rickert aufmerksam gemacht haben, so bekundet sich in zahllosen Fällen und in allen Schichten und Bewegungen der Kultur die schöpferische und unvermeidliche Leistung des Mythus. Man muß ihn geradezu als eine für alle Kultur wesentlich be- stimmende Bedingung bezeichnen. Und keine Philo- sophie der Kultur oder im philosophischen Geiste ge- haltene Geschichte der Kultur kann an dieser konsti- tutiven Bedeutung des Mythus vorübergehen. So läßt sich in Zusammenfassung der bis jetzt gebotenen Ausführungen als Ergebnis aussprechen: Überall da machen sich das Auftreten und die Betä- tigung eines Mythus geltend, wo die Relativität und die geschichtliche Gebundenheit eines Glaubens-, Vorstellungs-, Gedankenkreises überschritten wird, wo irgendein Bezirk der Kultur, über das Empirische seines Bestandes und Ansehens hinausgreifend, nach