22 Mythus und Kultur Gesinnung, Geistesart, Wertungen, theoretisches und praktisches Verhalten einer Zeit oder eines Le- benskreises, eines Geschlechtes oder eines einzelnen Menschen stehen ihrem letzten Sinn nach jenseits der Möglichkeit einer rein begriffsmäßigen Begründung und Ableitung. Sie sind vielmehr in ein System my- thischer Voraussetzungen eingebettet, die darin ihr Wesen haben und ihre Kraft darin auswirken, daß sie dem ganzen äußeren und inneren Wollen und Tun die Sicherung der Unbedingtheit gewähren. Durch sie wird die empirische Gegebenheit der Lebenszustände und Lebensbetätigungen verankert in einem Zu- sammenhang, dessen Struktur erhaben ist über die Zufälligkeiten des geschichtlichen Wandels, weil seine Gesetze den Charakter von Sinnbeziehungen oder Sinnbezogenheiten der äußeren Lebenserscheinungen auf irgendeinen als unbedingt gültig anerkannten oder geglaubten geistigen Wert besitzen. Sogar ein der Stimmung des Relativismus und Skeptizismus hin- gegebenes Zeitalter hat in der Annahme der Geltung des Relativismus und Skeptizismus eine Anknüpfung an ein Unbedingtes1). Darin bekundet sich der grundsätzliche und unver- wischbare Unterschied desjenigen Zusammenhanges, den wir Geschichte nennen, gegenüber allen Bezügen naturhaften Seins, daß jede seiner Stufen und Be- gebenheiten, daß jeder seiner Zustände und jede in ihm auftretende Person sich nicht restlos darin er- schöpft und ausspricht, daß sie bloß da ist und wirkt. Ihnen muß vielmehr eine immanente Beziehung auf einen Sinn oder ein Ziel eignen, deren Erfassung und Feststellung nicht sowohl eine Tat der Erkenntnis als l) Der Begriff der „Annahme“ in dem Sinne der Plato- nischen Hypothesis verstanden, wie er in der Philosophie der Gegenwart besonders von den Marburgern, hier in erster Linie von Hermann Cohen und Natorp, heraus- gearbeitet und vertreten wurde.