12 Mythus und Kultur zu jener Philosophie vor uns. Auch Cassirer erfaßt, ebenso wie das in der vorliegenden Abhandlung getan wird, den Mythus nicht vom psychologischen Stand- punkt aus ; er nimmt ihn vielmehr als „eine bestimmte Art der Gestaltgebung“, als „eine Richtung der Objektivierung, die ... eine ganz bestimmte Weise der «Synthesis des Mannigfaltigen», der Zusammenfassung und der wechselseitigen Zuordnung der sinnlichen Elemente in sich schließt“ (S. 7). So sucht er eine „Logik auch des Mythos und der mythischen Phan- tasie“ (S. 6) zu entwickeln, indem er den Nachweis führt, „daß dem mythischen Denken ein Gesetz von eigener Art und Prägung zugrunde liegt“ (S. 9). Den Inhalt der Untersuchung bildet nun die genauere Charakteristik dieses Gesetzes. Doch sei bemerkt, daß Cassirer den Begriff des Mythus in einem wesent- lich engeren Sinne nimmt, als es in meiner Abhandlung geschieht. Er bleibt mit seiner Auffassung innerhalb der gewohnten Vorstellung, wonach der Mythus die- jenige Erkenntnisstufe charakterisiert, die einer frühen, vorwissenschaftlichen Einstellung, also den Anfangs- stadien der Kultur eignet. — Der Zweck der folgenden Darstellungen ist also der, den metaphysischen Sinn und die eigentümliche, oft entscheidungsvolle, stets ungemein charakteristische Stellung des Mythus innerhalb der geschichtlich-ge- sellschaftlichen Kultur zum mindesten anzudeuten. Etwa im Sinne einer etwas genaueren Ausführung des unserer Untersuchung vorangestellten Wortes von Fr. Th. Vischer oder jenes Satzes von Friedrich Nietzsche in der «Geburt der Tragödie»: „Ohne Mythus aber geht jede Cultur ’hrer gesunden schöpfe rischen Naturkraft verlustig; erst ein mit Mythen um- stellter Horizont schließt eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab“ (W. 1, S. 160). ln dieser Beziehung fehlt unserer wissenschaftlichen Literatur eine um-