8 Mythus und Kultur einer bloß moralischen Verpflichtung stammt. Ein Lebenszusammenhang, der ganz und gar in der Ge- setzlichkeit seines geschichtlichen Verlaufs und Tat- bestandes aufgeht, und mag diese Gesetzlichkeit von noch so reichen Motiven gespeist werden, erlischt in seiner Banalität. Er ist eben nur ein Sachverhalt, aber kein Symbol. Er kann sozialen Einfluß erringen und genießen: Geschichtliche Werthaftigkeit gewinnt er aber erst durch seine normative Beziehung auf einen zu ihm transzendent stehenden Sinn. Nur ein in irgendeiner Bedeutsamkeit über sich transzendierendes Leben besitzt eine Beglaubigung. Nur auf diese Weise löst es sich aus der Verstrickung in die Endlichkeit seiner Erscheinung. Verweilen wir noch einen Augenblick bei diesem Ge- danken. Die deutsche idealistische Philosophie hat uns die Lehre gebracht, daß der Selbstwiderspruch unweiger- lich zu den paradoxalen Voraussetzungen alles Seins und Geschehens gehöre. Wie sehr diese Erkenntnis zutrifft, läßt sich mit voller Klarheit ermessen an den Versuchen um eine philosophische Erfassung und metaphysische Deutung gerade des geschichtlichen Lebens. Denn kein Vorgang und keine Leistung, keine Erscheinung und keine Persönlichkeit desselben ist restlos, ja auch nur im eigentlichen Sinne begreiflich aus den immanenten Gesetzen und Bedingungen, die ihr positives Stattfinden und Auftreten herbeiführen und gewährleisten. Ein im tieferen Verstände histori- scher Wertcharakter wächst ihnen erst zu aus ihrem Verhältnis und durch ihre Bezogenheit zu einer jen- seits ihrer Tatsächlichkeit anerkannten oder geforder- ten Zielsetzung und Sinnhaftigkeit. Wenn einem Er- eignis oder einer historischen Gestalt diese Bezogenheit fehlen würde, wenn sie sich uneingeschränkt ableiten und verstehen ließen aus ihren individuellen oder so-