erkennen des Begehrens sich selbst etwas anzumuten nur ein Selbstanerkennen ist, nicht ein Anerkennen eines andern; so daß auf beiden Seiten das Sollen ganz seine Bedeutung verliert. Doch es ist noch eine andere Ansicht'der Sache mög- lich. Nämlich indem die Vernunft in der Konstruktion der Sittenlehre oder des Systems der richtigen mensch- lichen Handlungen begriffen ist, befindet sie sich in einer wissenschaftlichen Tätigkeit, in welcher alles im Zu- sammenhänge in großer Klarheit erscheint. Im Leben kommt die Anwendung davon nur vereinzelt vor und zerstreut; die Vernunft aber im wissenschaftlichen Zu- stande mutet sich selbst als im Leben handelnder zu, dann doch immer aus diesem klar gedachten Zusammen- hänge heraus zu handeln und unter ihn zu subsumieren. Hier wäre also eine Zweiheit, wenngleich nur verschiede- ner Momente, der wissenschaftliche wäre der gebietende und der handelnde der gehorchende, und das Sollen spräche eigentlich aus, daß, wenn in einem tätigen Augen- blick der Willensakt der Vernunft nicht diesem Zu- sammenhänge entspräche, er falsch sein würde. Hier- gegen ist nur einzuwenden, daß das sittliche Verhältnis derer, die auf einen wissenschaftlichen Zusammenhang zurückgehn, durchaus nicht unterschieden wird von dem sittlichen Verhältnis derer, welche von einem solchen gar nichts wissen. Ja auch diejenigen, denen dieser Zu- sammenhang zugänglich ist, gehen doch im Augenblick des Entschlusses und der Tat nicht auf ihn zurück, son- dern das Soll, was sie in sich vernehmen, bezieht den jedesmaligen einzelnen Fall auf ein mehr oder minder allgemeines oder besonderes, immer aber als einzeln ge- dachtes Gebot, ohne dieses als Glied eines allgemeinen Zusammenhanges vorzustellen. Also kann auch dies die Bedeutung dieses sittlichen Solls nicht sein. - $ Diese gar nicht leicht zu überwindenden Schwierig- keiten führen ganz natürlich darauf zu fragen, woher doch eigentlich dieses Soll uns entstanden ist mit dem Gesetz zusammen in der Sittenlehre. Zuerst kennen wir das Sollen in dem Gebiet des häuslichen und bürger- lichen Lebens; es ist der Ausdruck, durch welchen einer in dem andern einen Willen hervorruft, welcher vor dem Soll gar nicht vorausgesetzt wird: der Gehorchende er- kennt aber an dem Soll den Willen des Gebietenden, und 183