nicht auch beflügelt, und den Mut mehr darniederschlägt als erhebt. Es gibt keine freie und kraftvolle Äußerung unserer Fähigkeiten ohne eine sorgfältige Bewahrung unserer ur- sprünglichen Naturanlagen; keine Energie ohne Indivi- dualität. Deswegen ist es so notwendig, daß eine Charak- teristik, wie die eben geschilderte, dem menschlichen Geiste die Möglichkeit vorzeichne, mannigfaltige Bahnen zu verfolgen, ohne sich darum von dem einfachen Ziel allgemeiner Vollkommenheit zu entfernen, sondern dem- selben vielmehr von verschiedenen Seiten entgegen- zueilen. Nur auf eine philosophisch empirische Menschen- kenntnis läßt sich die Hoffnung gründen, mit der Zeit auch eine philosophische Theorie der Menschenbildung zu erhalten. Und doch ist diese letztere nicht bloß als allgemeine Grundlage zu ihren einzelnen Anwendungen, der Erziehung und Gesetzgebung (die selbst erst von ihr durchgängigen Zusammenhang in ihren Prinzipien er- warten dürfen), sondern auch als ein sicherer Leitfaden bei der freien Selbstbildung jedes einzelnen ein allge- meines und besonders in unserer Zeit dringendes Bedürf- nis. Je größer die Anzahl der Richtungen ist, welche ihm offen liegen, je reichhaltiger der Stoff, welchen unsere Kultur ihm darbietet, desto mehr fühlt sich auch der bessere Kopf verlegen, unter dieser Mannigfaltigkeit eine verständige Wahl zu treffen und auch nur mehreres davon miteinander zu verbinden. Ohne diese Verbindung aber geht die Kultur selbst verloren. Denn wenn die Kultur des Menschen die Kunst ist, sein Gemüt durch Nahrung fruchtbar zu machen, so muß er dazu seine Organe so harmonisch stimmen und eine solche äußere Lage wählen, daß er so vieles, als möglich, sich aneignen kann, da ohne Aneignung kein Nahrungsstoff weder in das Gemüt noch in den Körper übergeht.