XIV. W. v. Humboldt (1765—1835). Veredelung der Sinnlichkeit1. Sehr viel hängt ab von der sinnlichen Begierde. Sie muß von keiner Seite ganz erstickt, sondern vielmehr, nur nach Verschiedenheit der Charaktere, genährt wer- den. Heftigkeit der sinnlichen Begierde ist schon an sich Zeichen der Kraft der Seele, sowie ein Charakter wenig verspricht, in dem auch ursprünglich die sinnliche Be- gierde schläft. Denn wenn, nach Platos schöner Dich- tung, die Dürftigkeit die Mutter der Begierde ist, so ist ihr Vater der Überfluß. Die sinnliche Begierde bringt Leben und Strebekraft in die Seele; —, — unbefriedigt macht sie tätig, zur Anlegung von Plänen erfindsam, mutig zur Ausübung, befriedigt —, —befördert sie ein leichtes, ungehindertes Ideenspiel. Überhaupt bringt sie alle Vor- stellungen in größere und mannigfaltigere Bewegung, zeigt neue Ansichten, führt auf neue, vorher unbemerkt gebliebene Seiten ; ungerechnet wie die verschiedene Art ihrer Befriedigung auf den Körper und die Organisation, und dies wieder auf eine Weise, die uns freilich nur in den Resultaten sichtbar wird, auf die Seele zurückwirkt. Aber auf def anderen Seite erfordert auch die sinnliche Begierde die größeste Vorsicht. Denn wenn sie die Ober- hand gewinnt, wenn sie von untergeordnetem Mittel, was sie immer bleiben sollte, Zweck wird, so vernichtet sie jede bessere Kraft der Seele, und stumpft vorzüglich alles Gefühl, selbst des sinnlich Schönen ab. Unter den 1 Aus den „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksam- keit des Staates zu bestimmen“. W. v. Humboldts Werke, Akad. Ausgabe Bd. I, S. 57, 106, 163. l6l 37. Io6» 163 u Liebert, Ethik.