IX. Ferguson1 (1724—1816). Die Moralphilosophie ist die Kenntnis dessen, was sein S. 8 soll oder die Anwendung von Regeln, die die Wahl frei- handelnder Wesen bestimmen sollen. Ehe sich moralische Regeln für irgendeine besondere Gattung von Wesen festsetzen lassen, müssen erst die Fakta bekannt sein, die sich auf diese Gattung der Wesen beziehen. Ehe wir für den Menschen moralische Regeln geben können, muß erst die Geschichte der menschlichen Natur, müssen erst seine Neigungen, die ihm eigenen Vergnügungen und Leiden, sein jetziger Zustand und seine künftigen Er- wartungen bekannt sein. Die Seelenlehre oder die Natur- geschichte des Geistes ist der Grund der Moralphilo- sophie. Moralische Gesetze, insofern dieselben von physischen S. 120 Gesetzen unterschieden werden, sind allgemeine Aus drücke von dem, was geschehen soll. In diesem Verstand müssen die Regeln der Kunst, die Regeln der Schönheit und Schicklichkeit, sie mögen sich beziehen, auf welche Sache sie wollen, unter die moralischen Gesetze gerechnet wer- den. Moralische Gesetze, insofern sie sich auf denkende Wesen beziehen, sind allgemeine Ausdrücke von dem, was gut ist. Es ist das Unterscheidungszeichen denkender Wesen, nach Urteilen zu handeln und das zu wählen, was nach ihrem Urteil das Beste ist. — Moralische Gesetze können aus verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet und in verschiedene Arten abgeteilt werden. Betrachtet man sie in Absicht auf ihren Ursprung, so kann man sie in ursprüngliche oder natürliche und verabredete oder zufällige abteilen. Betrachtet man sie in Absicht auf ihren Inhalt, so kann man sie in Gesetze der Religion und des 1 Abdruck aus „Grundsätze der Moralphilosophie'' T769. Deutsch von Chr. Garve. Leipzig 1772. 95