Stütze gewährt und welches indem es alles auf Gott, wie auf den Mittelpunkt, bezieht, das Menschliche in das Göttliche überführt. Denn indem man seine Pflicht tut und der Vernunft gehorcht, erfüllt man die Vorschriften der höchsten Vernunft; man richtet alle seine Absichten auf das gemeine Beste, welches von dem Ruhme Gottes nicht verschieden ist. Man findet alsdann, daß nichts den eigenen Interessen mehr entspricht, als die allge- meinen Interessen zu den seinigen zu machen, und man sorgt für sich selbst, wenn man mit Freuden den wahren Vorteilen der Menschheit dient. Mag unser Streben Erfolg haben oder nicht, so sind wir doch mit dem, was geschieht, zufrieden, sobald wir uns in den Willen Gottes ergeben, und wir wissen, daß das, was er will, das Bessere ist. Aber schon ehe Gott seinen Willen durch die Ereig- nisse erkennbar macht, trachtet man, ihm entgegen zu kommen, indem man das tut, was seinen Vorschriften am meisten zu entsprechen scheint. Bei einer solchen Gemütsverfassung werden wir durch den schlechten Erfolg nicht entmutigt und beklagen nur unsere Fehler. Trotz der Undankbarkeit der Menschen lassen wir in der Übung unserer, auf das Wohltun gerichteten Neigungen nicht nach. Unsere Liebe ist demütig und voll Maß; sie strebt nicht nach der Herrschaft. Gleich aufmerksam auf unsere Fehler, wie auf die Talente Anderer, sind wir immer bereit, unsere Handlungen zu prüfen und die der anderen zu entschuldigen und wieder gut zu machen, lediglich um uns selbst zu vervollkommnen und nie- mandem Unrecht zu thun. Ohne Mildtätigkeit gibt es keine Frömmigkeit, und man kann keine aufrichtige Gottesfurcht zeigen, wenn man nicht dienstfertig und wohltätig ist. Die Tugenden gehen auf die Vollkommenheit1. s. 249—250 § 181. Sagt man, daß Gott bei Erschaffung des Men- schen so, wie er ist, nicht gekonnt habe, die Frömmig- keit, die Mäßigkeit, die Gerechtigkeit und die Keusch- heit nicht zu verlangen, weil ihm unmöglich die Unord- nungen gefallen konnten, welche seine Werke dann zu 1 Aus der „Theodieee“, § 181 S. 249—250. Übersetzt und er- läutert von H. v. Kirchmann. Verlag F. Meiner, Leipzig 1879. 80