von einer Zeit, die niemals existierte und niemals existie- ren wird. Denn die Erfahrung lehrt genugsam, daß die Gesund- heit unseres Geistes ebensowenig wie die Gesundheit unseres Körpers in unsere Hand gelegt ist. Man könnte meinen, es ergäbe sich von selbst, daß die Menschen, denen ja wie jedem Wesen der Drang nach Selbsterhal- tung eingeboren ist, lieber die Vernunft als die Leiden- schaften herrschen ließen, um ihrem Leben eine andere Form und einen anderen Inhalt zu verleihen. Doch ohne Mühe kann kein Mensch dazu gelangen. Wir sind alle Kinder der Natur, und als solche peitscht uns alle die Begierde. Fragt man nun, warum Gott die Menschen nicht so geschaffen habe, daß sie in allen Stücken der Vernunft allein gehorchen, so gebe ich zur Antwort: Weil Gott Stoff genug besaß, um daraus alles vom höchsten Grade der Vollkommenheit bis zu ihrem niedrigsten zu machen. Oder, um mich wissenschaftlicher und der Sache ange- messener auszudrücken: Weil die Gesetze der Natur Gottes so umfassend sind, daß sie alles, was ein unend- licher Verstand erfassen kann, auch tatsächlich schaffen. b) Der Wert der Leidenschaften. Was die Aufnahme- und Wirkungsfähigkeit des mensch- lichen Körpers bereichert und vermehrt, das ist für den Menschen nützlich, wie umgekehrt das, was der Körper in jenen Beziehungen schwächt und einschränkt, schäd- lich ist. Die Lust ist an und für sich nicht schlecht, sondern gut; Unlust dagegen ist an und für sich schlecht. Es gibt kein schädliches Zuviel an heiterem Behagen. Dies ist vielmehr in jedem Grade gut und fördernd; Melancholie und niedergedrückte Gemütsstimmung da- gegen sind stets schlecht und schädlich. Nun kann man sich allerdings jenes heitere Behagen, in welchem ich einen guten Affekt erblicke, theoretisch leichter verdeutlichen als in der Praxis des Lebens ver- wirklichen. Denn die Affekte, die uns täglich bestürmen, versetzen meistens nur einen bestimmten Teil des Kör- pers in Erregung und hindern uns auf diese Weise, in behagliche Ausgeglichenheit zu kommen. Unter ihrem 64