IV. Plotin1 (204?—269 n. Chr.). Uber das Wesen und den Ursprung des Bösen. 1. Die Untersuchung, woher das Böse in das Seiende überhaupt oder in eine bestimmte Art desselben gekommen ist, dürfte passend mit der Frage beginnen, was das Wesen des Bösen sei. Denn so könnte man erkennen, woher es gekommen, wo es seinen Sitz hat und wem es widerfährt, und es würde überhaupt klar werden, ob es zur Klasse des Seienden gehört. Die Erkenntnis des Bösen dürfte aber eine schwierige Frage sein, da die Erkennt- nis jedes Dinges durch Ähnlichkeit mit demselben ge- schieht; Geist und Seele können als Ideen auch nur die Erkenntnis von Ideen verschaffen und auf sie ihr Streben richten. Wie will man sich aber das Böse als Idee vor- stellen, das doch gerade in der Abwesenheit alles Guten besteht ? Wenn aber die Erkenntnis des einen von zwei Gegensätzen auch die des andern in sich schließt, das Böse aber dem Guten entgegengesetzt ist, so würde die Er- kenntnis des Guten auch die des Bösen mit sich bringen, und wer das Böse erkennen wollte, müßte zuerst genau das Gute erkannt haben, denn das Bessere geht dem Schlechteren voran, es ist Form, dieses aber nicht, viel- mehr Beraubung der Form. Immerhin ist es noch die Frage, wie das Böse dem Guten entgegengesetzt ist, ob das Gute die erste, das Böse die letzte Stelle einnimmt, ob das Gute als Form, das Böse als Beraubung der Form zu betrachten ist. Doch davon später. 2. Zunächst wollen wir die Natur des Guten bestimmen, soweit es die gegenwärtige Untersuchung erfordert. Das Gute ist das, wovon alles abhängt, nach dem alles strebt, 1 Abdruck aus „Plotin Enneaden“, Bd. II. In Auswahl über- setzt und eingeleitet von Otto Kiefer, Verlag E. Diederichs, Jena. 1. 202—205, 211 47