Prot. Wohl wahr. Sokr. Als fünftes sodann jene Lüste, die wir nach genauer Bestimmung als schmerzlose setzten und als reine, der Seele für sich gehörende bezeichneten, indem sie teils dem Wissen, teils den Wahrnehmungen sich an- schließen ? Prot. So dürfte es sein. Sokr. Beim sechsten Geschlecht aber, sagt Orpheus, laßt ruhen den Schmuck des Gesanges! So scheint es auch mit unserer Untersuchung bei dem sechsten Ent- scheidungsgange zu Ende zu sein. Nunmehr liegt es uns nur noch ob, die Summe aus dem Gesagten zu ziehen. Prot. Das geschehe denn. Zweiundvierzigstes Kapitel. Sokr. Wohlan denn, mit dem feierlichen Rufe „Zum dritten Male dem Heilspender" wollen wir nun die Untersuchung abermals durchgehen. Prot. Welche? Sokr. Philebos behauptete, das Gute sei die gesamte und vollendete Lust. Prot. Zum dritten Mal, mein Sokrates, müssen wir, wie es scheint, deiner Aufforderung zufolge die anfäng- liche Rede wieder aufnehmen. Sokr. Ja. Doch laß uns das Weitere hören. Denn ich, da ich im Geiste schon alles überschaute, was ich jetzt eben Punkt für Punkt erörtert habe, und voll Un- willens war über den Standpunkt, den nicht nur Philebos, sondern auch zahllose andere Menschen vertreten, be- hauptete, daß für das Leben der Menschen die Vernunft weit wertvoller und besser sei als die Lust. Prot. So war es. Sokr. Da ich indes auf die Vermutung kam, daß es noch vieles andere gebe, so erklärte ich, daß, wenn etwas anderes sich als besser erweisen sollte als diese beiden, ich für die Vernunft um den zweiten Preis als ihr Bundes- genosse streiten würde, die Lust aber auch auf den zwei- ten Preis verzichten müsse. Prot. Allerdings, das erklärtest du. Sokr. Und darauf erwies sich denn mit völlig ge- nügender Klarheit keines von beiden als genügend. Prot. Sehr wahr. 2 I.icbert, Ethik. x7 ’• 132/1