Zur Lehre vom Gemüt. 115 Gemütszustand der Stimmung jedoch im Vordergrund der Betrachtung. Auf den Gemütszustand der Stimmung kommt auch jene alte Lehre von den Temperamenten tatsächlich hinaus, die, wie ihre Einteilung in sanguinisches, cholerisches, melancholisches und phlegmatisches Temperament nach den Worten selbst lehrt, auf den besonderen Leibeszustand zurück- geführt werden und in ihm begründet sein sollen. Das Gemüt d. i. dasjenige, was im einzelnen Menschen die besondere Bedingung für die einzelnen Gemütszustände des „Gefühles“ und der Stimmung ausmacht, kann uns, wenn wir das dabei in Betracht kommende Bewußtsein und den nicht minder in Betracht kommenden Körper des Menschen uns vor- führen, in seiner großen Mannigfaltigkeit kein Staunen er- wecken; macht sich doch alles Eigentümliche, das der Mensch an Leib und Seele aufzuweisen hat, gerade für „Gefühl“ und Stimmung der Seele geltend: alles Eigentümliche, wie es einer- seits in jedem besonderen Leib mit seinen durch Vererbung be- dingten Anlagen und seiner besondern Entwicklung, andererseits in dem besonderen Bewußtsein mit seiner eigentümlichen Er- fahrung, seiner eigentümlichen Übung und Gewöhnung, die durch so unendlich viele besondere Einflüsse getragen sind, bestimmt ist. Mit Recht sieht man daher in dem Gemüte des Einzelnen dasjenige, was ihn in seiner Eigentümlichkeit besonders kenn- zeichnet. Wie weit das Gemüt demnach dem Wechsel unterworfen sei, hängt immer davon ab, wie weit die beiden das Gemüt bedingenden Einzelwesen, der einzelne Leib und die einzelne Seele, ihrerseits der Veränderung zugänglich sind: auf der Möglichkeit dieser Veränderung beruht daher auch die Be- rechtigung der Erziehungsaufgabe, die wir die Gemütsbildung nennen. 8