110 Zur Lehre vom Gemüt. „Zustand“ eines Einzelwesens nennen wir unserem Sprach- gebrauch gemäß eine augenblickliche Beschaffenheit eines Einzelwesens. Wir bestimmen den Zustand weiter nach der Gattung des Einzelwesens entweder als Körper- oder als Seelenzustand, oder im besonderen nach der Bestimmtheit des Körpers oder des Bewußtseins, z. B. als Temperaturzustand oder als Gemütszustand. Diese beiden Worte erfahren aber viel- fach eine Deutung, die wir wohl beachten müssen und die dahin geht, daß „Temperatur“ und „Gemüt“ selbst verstanden werden als ein Einzelwesen, das nun in einem „Zustande“ sich befinde; man verwechselt dann die augenblickliche Besonderheit einer Bestimmtheit mit der augenblicklichen Bestimmtheit eines Einzelwesens und faßt das Allgemeine dieser Be- stimmtheit selber als ein besonderes Einzelwesen auf. So spricht man von der Temperatur als einem angeblichen Veränderlichen, das da steigt und fällt, zunimmt und abnimmt, in diesem oder jenem Zustande sich befindet, diesen oder jenen Zustand aufweist. Aber während hier ohne Schwierigkeit dieser Irrweg wieder verlassen und die „Temperatur“ als Zu- stand eines körperlichen Einzelwesens und nicht als Einzelwesen selbst gefaßt wird, stellt sich die Sache wohl anders, wenn vom Gemütszustände die Eede ist. Unter „Gemütszustand“ will man eben den Zustand eines „Gemütes“ d. i. die augen- blickliche Beschaffenheit eines angeblichen Einzelwesens „Ge- müt“ verstehen, und man läßt sich nicht so leicht, wie in jenem ersten Falle, davon abbringen. Dabei wird aber keineswegs heute das Wort „Gemüt“ in dem Sinne verstanden, wie es Immanuel Kant gebrauchte, der „Gemüt“ und „Seele“ für gleichdeutige Worte gelten ließ, demnach unter „Gemüt“ das Einzelwesen, das wir sonst „Seele“ nennen, verstehen wollte. Kant allerdings konnte mit vollem Recht von dem „Zustande, in dem sich das Gemüt befindet“ reden, aber seine Verwen- dung des Wortes „Gemüt“ zur Bezeichnung des seelischen Einzelwesens hat, wie sie schon von seinem Zeitgenossen Ernst Platner als verwirrende Neuerung abgewiesen wurde, bald nach ihm selbst auch wieder das Zeitliche gesegnet. Bedeutet aber „Gemüt“ nicht das Einzelwesen, das wir die Seele nennen, so kann unter dem Worte „Gemütszustand“,