104 Zur Lehre vom Gemüt. Beschaffenheit. Wenn wir aber diese beiden Gründe wieder für die Besonderheit des Bewußtseinsaugenblicks ins Auge fassen, so wird auch hierdurch nur bestätigt, daß das, was man gewöhnlich Affekt nennt, nur als ein besonderes „Gefühl“ begriffen werden darf. Schon an einer früheren Stelle, die das „Gefühl“ überhaupt behandelte (s. S. 67 ff.), haben wir bei der in Betreff der Affekte aufgeworfenen Streitfrage, ob tatsächlich die „Gemütsbewegung“ das Bedingende der nach altem Herkommen ihre „Äußerung“ ge- nannten körperlichen Veränderungen sei und nicht vielmehr diese letzte das „Ursprüngliche“, von dem die „Gemütsbewegung“ ihrerseits „herrühre“, dahin Stellung genommen, daß wir in erster Linie festgestellt wissen wollten, was unter jenen körperlichen Veränderungen gedacht sei. Meint man diejenigen physiologischen Zustände, die zweifellos die be- sondere physiologische Bedingung für die „beglei- tende“ Körperempfindung des Affekts bilden, so ist es sicher wahr, daß sie und diese Körperempfindung gegenüber dem Gefühl im Affekt das „Ursprüngliche“ seien, daß somit die „Gemütsbewegung“ von ihnen „herrühre“, nämlich in dem Sinne, daß jene Körperempfindung tatsächlich eine der Be- dingungen des Gefühls im Affekte sei. Aber diese „körper- lichen Veränderungen“ sind doch ganz andere als diejenigen, die wir unter dem Namen „Äußerungen der Gemüts- bewegungen“ kennen, denn die letzten „rühren“ sicherlich erst von den Gemütsbewegungen und nicht etwa diese von jenen „her“. Die „Kopernicanische Revolution in der Lehre von den Affekten“, wie sie Lehmann lehrt, ist demnach ein Unternehmen, das nur einen Schein des Rechtes gewinnen konnte, indem man diejenigen „körperlichen Veränderungen“, die wrir als „Äußerungen“ d. i. Wirkungen der Gemütsbewe- gungen bezeichnen, mit denjenigen, die den als „begleitendes“ Gegenständliches im Affekt sich findenden unklaren Körper- empfindungen zugrunde liegen, verwechselt. Unter „Affekt“ haben wdr also ein starkes „Gefühl“ zu verstehen; wir haben aber den Sinn dieses Wortes dahin entwickelt, daß wir den Affekt noch als ein starkes beson- deres „Gefühl“ gegenüber anderem starken „Gefühl“ kenn-