96 Zur Lehre vom Gemüt. Affekt und „Gefühl“ werden demnach von Herbart nach dem Gegenständlichen in ihnen unterschieden, und zwar wird, wenn wir billigerweise auf die Sache selbst schauen und von dem „Gleichnisse“ des Gleichgewichtes absehen, der Unterschied dahin festgestellt, daß im Affekt das „Quan- tum der Vorstellungen“ ein abnormes, nämlich entweder zu groß oder zu klein sei. In ähnlicher Weise urteilen die Herbartianer Volkmann und Nahlowsky über den Affekt und beide weisen es ab, den Affekt ein „intensives oder potenziertes Gefühl“ zu nennen, Volkmann1) meint, „die Definition des Affekts als intensives Gefühl ist sowohl im genus proximum als in der spezifischen Differenz verfehlt; der Affekt ist näm- lich: plötzliche und gewaltsame Störung der Gemütsruhe, also ein Vorgang innerhalb der Vorstellungen, der freilich seine subjektive Seite hat: ihn durch das Gefühl be- zeichnen, dessen Grund er ist, geht auf eine Verwechselung des Symptoms mit der Krankheit hinaus: die Intensität des Gefühles aber zum spezifischen Merkmale erheben, ist darum unstatthaft, weil ein Gefühl hastig sein kann, ohne Affekt zu werden“. Auch für Volkmann besteht das eigentlich Kenn- zeichnende des Affekts darin, daß „die Vorstellungen aus ihren normalen Gleichgewichtsstellungen“ und dem entsprechend „das Bewußtsein aus der normalen Gleichgewichtslage gerückt ist“. Ebenso sagt Nahlowsky2): „Der Affekt ist zu definieren als die durch einen überraschenden Eindruck bewirkte, vor- übergehende Verrückung des inneren Gleichgewichts“, Ob aber das „Quantum“ der Vorstellungen in einem Be- wußtseinsaugenblicke „zu groß oder zu klein“ sei, woran sollen wir dies erkennen; was ist der Maßstab, das Normale, an dem wir den Vorstellungsbestand, ob er zu groß oder zu klein sei, messen könnten? Ich finde nirgends einen Anhalt in dem Be- wußtseinsaugenblicke selbst. Und wenn man auch auf die „Wirkung“ des Affekts hinweist, wie Nahlowsky es tut, daß nämlich „der Organismus in Mitleidenschaft gezogen und dem- gemäß die besonnene Übertragung und freie Selbstbestimmung b Volkmann, Lehrbuch der Psychologie § 138. *) Nahlowsky, „Das Gefühlsleben“ S. 247.