Zur Lehre vom Gemüt. 93 bekannte „Gefühle“, und gewiß kennen wir alle auch Fälle, in denen Zorn, Scham usf. „Überraschung“ mit sich führen, aber auch solche Fälle sind uns Allen ebenso geläufig, in denen yon „Überraschung“ gar nichts zu finden ist. Wir stimmen hierin Lehmann zu, wenn er zum Belege unserer letzten Behauptung schreibt: „Bekanntlich kann man sich in Zorn arbeiten; bei der Erinnerung an eine gewisse, ursprünglich Zorn erregende Lage kann man spüren, wie dieser aufs neue wieder auf- flammt, und indem man sich nun mit diesen Vorstellungen her- umbalgt und die Lage immer mehr mit düsteren Farben aus- malt, ist man imstande sich selbst auf den Siedepunkt zu bringen.“1) Es blieben demnach als angebliche besondere Kennzeichen des Affekts im Kantischen Sinne noch der hohe Grad („heftig“) des Zuständlichen in dem sogenannten „Affekt“ und dieWirkung („Überlegung wird unmöglich gemacht“) des Affekts. Von der letzten haben wir aber hier ohne weiteres abzusehen, auch wenn diese Wirkung in ihrer Besonderheit ein unfehlbares Anzeichen für den Affekt wäre, denn sie ist doch nicht selbst ein Stück von dem Affekte als solchem. Dem- nach bleibt der hohe Grad des Gefühles als einziges Kenn- zeichen des Affekts als solchen übrig und sie erweist sich auch für all die von Kant „Affekte“ genannten und allbekannten Bestimmt- heitsbesonderheiten des Bewußtseins als sicheres Kennzeichen. Kants Bestimmung des Wortsinnes „Affekt“ würden wir also, um sie vielleicht hinnehmen zu können, nur dahin noch zu berichtigen brauchen, daß wir sagten, Affekt bedeutet uns das in An- sehung seines Zuständlichen (Gefühl) starke „Gefühl“. In- dessen wenn dies auch bei manchen Fällen nach unserem Sprachgebrauch zutrifft, wie bei „Zorn“ \md „Scham“, so kennt unsere Sprache doch auch manche andere starke „Ge- fühle“, denen sie nicht die Bezeichnung „Affekt“ beilegt, so z. B. ein starkes „Gefühl“ der Zuneigung, der Liebe, des Stolzes, der Demut usf. Wir spüren schon, daß offenbar anderes wenigstens noch mit gemeint ist, wenn wir die starken „Ge- fühle“ des Zorns und der Scham „Affekt“ nennen, aber die der Liebe, des Stolzes usf. nicht. J) Lehmann a. a. 0. S. 60.