Zur Lehre vom Gemüt. 35 einem der Wehmut über den Verlust, in welchem eben die „Erinnerung an das Verlorene“ daun die maßgebende Be- dingung für die Besonderheit der augenblicklichen zuständlichen Bewußtseinsbestimmtheit ist, in rascher Folge wechselt, wodurch für den flüchtigen Beobachter der Schein des Zu- gleichseins zwar von „Freude“ und „Wehmut“, Lust und Unlust, erweckt und somit die Versuchung nahegelegt wird, von einer „wehmütigen Freude“ als einem Gefühl nach der Analogie von „bläulichem Rot“ zu reden, also das Nach- einander und den Wechsel des verschiedenartigen Zuständ- lichen der Seele in ein Zugleichsein und eine Mischung zu verkehren. Daß die Wehmut, wenn anders mit diesem Worte das Zuständliche eines Seelenaugenblickes und nicht etwa eine Reihe von Seelenaugenblicken in ihrem verschiedenartigen wechselnden Zuständlichen getroffen werden soll, — daß Wehmut nicht ein aus Lust und Unlust gemischtes Gefühl, sondern schlechtweg Unlustgefühl sei, kann der prüfenden Selbstbeobachtung auf die Dauer gar nicht zweifelhaft bleiben, und der Schein, daß zu der anfänglich wohl vorherrschenden Unlust doch auch Lust sich geselle, kann nur dadurch auf- kommen, daß die Vorstellung von der uns teuren Persön- lichkeit als solcher, die etwa in einem besonderen Augenblicke im Blickpunkte des gegenständlichen Bewußtseins steht und dann- eben die maßgebende Bedingung eines Gefühls, das eine Lust bedeutet, ist, tatsächlich in dieser zentralen Stellung abwechselt mit der Vorstellung von jener Persönlichkeit als verlorener, die dann als maßgebende Bedingung in einem besonderen Augenblicke ein Gefühl der Unlust, die Wehmut mit sich führt. Das tatsächliche Nebeneinander der Lust und der Unlust wird aber auch in diesem Falle von der gegnerischen Meinung irrigerweise als ein Zugleichsein der Lust und der Unlust verstanden, so daß nach ihr die Wehmut Lust und Unlust zugleich die Besonderheit einer zuständlichen Bestimmtheit sind, Lust und Unlust also die beiden „Momente“ eines Gefühls bilden. Diese irrige Meinung mag auch noch dadurch gefördert sein, daß in dem Seelenaugenblicke, der Wehmut d. i. Unlust 3*