Zur Lehre vom Gemüt. 33 Lust als auch Unlust beobachten“ könne. Damit würde die Streitfrage sich für uns allerdings noch einfacher gestalten und nur darauf gehen, ob Unlust und Lust zugleich in einem Augenblicke unserer Selbstbeobachtung festzustellen seien. Wir bestreiten dies auf Grund der Tatsachen unseres Seelen- lebens, meinen aber auch die Quelle des Irrtums, in dem sich der Gegner befindet, aufdecken zu können. Lehmann führt als Beleg für seine Behauptung das „Weh- mutsgefühl“ an: „Wir fühlen Wehmut, wenn die Erinnerung an einen angenehmen Zustand Trauer über das Auf hören dieses Zustandes herbeiführt, also z. B. wenn wir im Begriffe stehen, einen Ort oder Personen zu verlassen, die wir lieb gewonnen haben; die Lust, welche die Erinnerung an die verflossenen Tage erregt, ist hier eine notwendige Bedingung für das Ent- stehen der Unlust bei dem Gedanken, daß sie jetzt vorbei sind, denn könnten wir nicht auf etwas Erfreuliches zu- rückblicken, so würden wir auch nicht das Auf hören des Zustandes betrauern können; das eine Gefühl ist also eine fortwährende Bedingung für die Existenz des anderen, und die emotionellen Elemente verschmelzen deshalb zu dem wohl- bekannten, aber nicht zu beschreibenden Zustande, der, je- nachdem das Lust- oder das Unlustmoment die Oberhand hat, zur wehmütigen Freude oder zur wehmütigen Trauer wird“ (a. a. 0. 250). Die Behauptung Lehmanns, daß das „Wehmutsgefühl“ Lust und Unlust zu seinen zwei „Momenten“ habe, wird uns schon in hohem Grade verdächtig durch seine weitere Be- merkung, daß dieser „Zustand“ je nach dem vorherrschenden „Momente“ entweder eine wehmütige Freude oder eine weh- mütige Trauer sei. Zunächst leuchtet doch ohne Weiteres ein, daß, was „wehmütige Trauer“ genannt wird, wenn wir anders den Worten trauen dürfen, nicht zum Ausdruck bringt, daß hier ein Vorherrschen der Unlust vor der Lust, sondern vielmehr, daß ausschließlich Unlust gegeben sei. Das Wort „wehmütige Freude“ freilich will offenbar von einem Vorherrschen der Lust vor der Unlust reden; es fragt sich jedoch, ob, wenn etwa beide Gefühle dabei in Frage kommen, in solchem Falle Lust und Unlust tatsächlich zu- Eehmke, Gemüt. 3 «