Zur Lehre vom Gemüt. 23 heit eines Einzelwesens, und zwar eines Bewußtseins, zu begreifen weiß, der kann sehr wohl einerseits eine in dem Bewußtseinsaugenblick zugleich gegebene Mehrzahl von be- sonderen „Empfindungen“, sowie andererseits mit diesen zu- sammen ein Gefühl als ebenso Ursprüngliches, wie jene „Empfin- dungen“, begreifen, ohne doch gezwungen zu sein, jeder Empfindung des Bewußtseins ein besonderes Gefühl als deren „Gefühlston“ beilegen zu müssen. Liegt doch nicht von vornherein etwa im Wesen des Bewußtseins ein Grund vor, der es verböte anzunehmen, daß in dem einzelnen Be- wußtseinsaugenblick trotz der Mehrzahl von besonderem Gegenständlichen doch nur ein einziges Gefühl sich finde. Freilich aus dem Bewußtsein als Einzelwesen läßt sich in dieser Streitfrage weder für das eine, noch für das andere etwas herleiten. Die Tatsache, daß das Bewußtsein als Einzel- wesen eine besondere Einheit, also Einheitliches ist, spricht nicht etwa zu Gunsten der Behauptung, daß in jedem Seelen- augenblick immer nur ein besonderes Gefühl zu finden sei, sie läßt von sich aus vielmehr beides als denkbar gelten, so- wohl daß eine Mehrzahl von besonderen Gefühlen entsprechend der Mehrzahl von besonderem Gegenständlichen, als auch daß nur ein Gefühl in einem Bewußtseinsaugenblick auftrete. In dieser Sache hat die Erfahrung allein zu entscheiden, ob nur das Erste oder nur das Zweite oder aber ob beides im Be- wußtseinsleben möglich sei. Erfreulicherweise stimmen nun die prüfenden Beobachter insgesamt wenigstens darin überein, daß in allen Fällen der einzelne Bewußtseinsaugenblick nur ein Gefühl aufgewiesen habe; aber wenn auch hierin alle übereinstimmen, so gehen die Meinungen doch wieder auseinander bei der Frage, ob dieses eine Gefühl auch immer ein einfaches Gefühl sei. Be- greiflicherweise könnten die Psychologen, welche die Hypo- these von dem besonderen Gefühl als der „Gefühlsbetonung“ einer besonderen Empfindung oder Vorstellung vertreiben, die Einfachheit des Gefühles eines Bewußtseinsaugenblickes nur in den Fällen uneingeschränkt zugestehen, in welchen nur ein einziges Gegenständliches in dem Bewußtseinsaugenblick zu finden wäre. Für alle anderen Fälle haben sie auch in