VON DER RELIGION 5« An den Tod, den jeder zum Licht geborene Mensch erleiden muß, knüpfen sich die Ideen von Schuld und Strafe, vom Dasein als einer Buße, von einem neuen Leben jenseits der be- lichteten Welt und von einer Erlösung, die aller Todesangst ein Ende macht. Erst aus der Erkenntnis des Todes stammt das, was wir Menschen im Unterschiede von den Tieren als Weltanschauung besitzen. 53 Das Tier, mit seinem Denken an die Gegen- wart gebunden, kennt und ahnt den Tod als etwas Zukünftiges, ihm Drohendes nicht. Es kennt nur die Todesangst im Augenblick des Getötetwerdens. Der Mensch aber, dessen Denkensich von dieser Fessel des Jetzt und Hier befreit hat und über das Gestern und Morgen, das „Einst“ von Vergangenheit und Zukunft grübelnd hinschweift, kennt ihn im voraus, und es hängt von der Tiefe seines Wesens und seiner Weltanschauung ab, ob er die Furcht vor dem Ende überwindet oder nicht. 10