nem - wie die Studenten nach vielen vorangegangenen Debatten über das Verhält¬ nis von Staat und Universität meinten - „autogenen“ (außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols liegenden) Raum war der Zündfunke, um hier die Studenten¬ schaft in Rage zu bringen. Ich konnte zwar meine morgens von 10 bis 11 Uhr statt¬ findende Vorlesung auch weiterhin abhalten; ich gehörte ja nicht zur Heidelberger Professorenschaft, die man als „reaktionär“ anprangern wollte; und außerdem pflegten die Krachmacherstudenten nicht ganz so zeitig aufzustehen. Aber schon der in der Raumbelegung von 11 bis 12 Uhr nachfolgende Prof. Dr. Werner Con- ze26 27 hatte alle Mühe, in Diskussionen, in die er sich verw ickeln ließ, die Stimmung nicht überkochen zu lassen, ich war im Hörsaal geblieben und hatte mich in die letzte Bankreihe gesetzt, um zu beobachten, wie ältere Kollegen mit den neuen Problemen umgehen. Dadurch, dass sich Herr Conze zu Diskussionen bereit erklär¬ te und nicht seinen Vorlesungsstoff vortrug, meinten einige Hitzköpfe, er lasse sich an die Spitze einer die ganze Universität erfassenden „Reformkampagne“ stellen. Als dann um 12 Uhr 15 der Hilfswissenschaftler Prof. Dr. Ahasver von Brandt“ den Hörsaal betrat, konnte er gar nicht mehr bis zum Katheder Vordringen. Er schrieb an die Tafel: „Ich verlasse diesen Raum, v. Brandt“. Im Durcheinanderge¬ schrei der Studenten wurde mit Unflätigkeiten und Ausdrücken der Fäkalienspra¬ che nicht gespart. Weitere Einzelheiten, die mir noch gut im Gedächtnis sind, kann ich mir wohl sparen. Und das wollten - so ging es mir durch den Kopf- gebildete, nach Kultur, Bildung, Wissensgewinn und Einsicht in höhere Komplexe menschli¬ cher Existenz strebende Studenten, eben die Führungskräfte von morgen, sein? Mein Glaube an die Vernunft im Menschen und an ein für Studenten doch ganz selbstverständliches Ethos erhielt einen gehörigen Stoß! Es brauchte lange, bis ich diesen Schock verdaut und auch hier die Spreu vom Weizen zu trennen gelernt hat¬ te! Nebenbei ging ich in Saarbrücken einmal in die Universität, um die dortigen nunmehrigen Verhältnisse kennen zu lernen. Die Sprechchöre „Finkenstaedt - Stinkklosett“, mit denen der Anglistik-Professor empfangen wurde, höre ich noch 26 Prof. Dr. Werner Conze (1910-1986): Vgl. dazu mit weiteren Informationen Dagmar Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon (wie Anm. 25), S. 149-151. Zuletzt Thomas El- zemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorien¬ tierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001 und Jan Eike Dunkhase, Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 194), Göttingen 2010. Zu Conze und 1968 vgl. auch Jan Eike Dunkhase, Jenseits von „Einsamkeit und Freiheit“. Werner Conze und die Hei¬ delberger 68er - eine bildungspolitische Konstellation, in: Personen, Soziale Bewegun¬ gen, Parteien. Beiträge zur Neuesten Geschichte. Festschrift für Hartmut Soell zum 65. Geburtstag, hg. von Oliver von Mengersen, Matthias Frese, Klaus Kempter, Heide M. Lauterer und Klaus Schober, Heidelberg 2004, S. 155-174. Außerdem Jan Eike Dunkhase, Gelehrtendämmerung. Werner Conzes Abschied von der Universität, in: Akademische Lebenswelten. Habitus und Sozialprofil von Gelehrten im 19. und 20. Jahrhundert, hg. von Eberhard Demm und Jaroslaw Suchoples, Frankfurt/Main 2011, S. 189-198. 27 Prof. Dr. Ahasver von Brandt (1909-1977): Vgl. dazu ausführlich mit weiteren bio¬ bibliographischen Informationen Dagmar Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon (wie Anm. 25), S. 132. 586